Jugend debattiert 2017

Die viel zu unterschätzte Kunst des Debattierens…                                                 Wir waren da! Zum Landesfinale von „Jugend debattiert“ im Abgeordnetenhaus und durften den acht besten Debattanten*innen Berlins beim Disput über Themen von Welt lauschen! Zur Einführung hat uns Vorjahres-Landessieger Leopold von Hanstein einige Einsichten in den Wettbewerb und seine Gepflogenheiten gegeben: 

Wir befinden uns im Plenarsaal des Abgeordnetenhauses, wo heute einmal hitzig debattiert wird. Dort, wo üblicherweise die Volksvertretung Berlins Gesetzgebungen und die Interessen der Stadt diskutiert, findet heute das Landesfinale von ,,Jugend debattiert“ statt.
Die Erst- und Zweitplatzierten beider Altersgruppen, das heißt von der achten bis zur zehnten und von der zehnten bis zur dreizehnten Klasse, qualifizierten sich aus 35 Schulen als die besten jungen Redner*innen unserer Stadt.

Der seit 2001 existierende Wettbewerb wird im „Runden Format“ ausgetragen, wobei das Landesfinale die letzte Stufe vor dem bundesweiten Entscheid darstellt.

Wir sitzen also in diesem Plenarsaal und es spielen Ralf Ruh am Klavier und Liza Strazdina an der Trompete und am Flügelhorn. Die Musik ähnelt der, welche einem nach fünf Minuten Warteschleife am Telefon sehr, sehr dolle auf den Zeiger geht. Mit der Musik steigt auch die Ungeduld auf den Wettbewerb, welcher doch nun endlich beginnen soll. Nachdem der Tontechniker zum gefühlt hundertsten Mal lässig ins Mikro haut, um den Sound zu checken, geht es dann auch endlich los.
Die Moderatorin Teresa Sickert betritt das Podium und eröffnet das Landesfinale.
An ihrer Seite steht Ralf Wieland, Präsident des Abgeordnetenhauses und auch Juror. Er eröffnet das Ganze mit ein paar netten Worten und betont, wie wichtig es ihm sei, den Schüler*innen das Diskutieren und Debattieren und das damit verbundene Interesse an Politik näher zu bringen.
Nach einem kurzen Podiumsgespräch mit Herrn Wieland, seiner Kollegin von der SPD Sigrid Klebba, Staatssekretärin für Jugend und Familie, und Michael Knoll, Leiter des Hertie Innovationskollegs, geht es dann auch fast los.
Nur noch kurz die Spielregeln erklärt, und die Finalistinnen vorgestellt.

Apropos Finalistinnen, das sind in diesem Jahr Florentine Richter, Hanna Buelte, Helen Schroeder und Pauline Malkowski.

Behandelt wird die Frage ,,Sollen zum Eurovision Song Contest auch Beiträge mit politischem Inhalt zugelassen werden?“ Florentine und Hanna vertreten hierbei die Pro- und Helen und Pauline die Contraseite .
Florentine eröffnet die Debatte; sie beschreibt das Beispiel von Jamala mit ihrem Song ,,1944“ mit welchen sie 2016 den ESC gewann. Der Text dieses Songs war ihrer Meinung nach schon sehr politisch. Auch war sie laut Florentine damit nicht die Einzige
Sie schlägt vor, den Contest im Jahr 2018 für politische Themen zu öffnen. Auf der Gegenseite ist zu hören, dass der Eurovision Song Contest dem Zweck dient, alle Länder Europas unter dem Aspekt der Kunst zu vereinen, und die Angst wird ausgesprochen, sich zu zerstreiten, wenn der ESC jetzt politisiert wird.
Es ist stark herauszuhören, dass diese ,,Anfangsplädoyers“ auswendig gelernt sind. Ich fühle mich ein wenig unbehaglich dabei, ihnen zuzuhören. Hörbar ist, dass viele solche ,,Debatte-Regeln“ befolgen. Das Ganze hat nicht so viel damit zu tun, wie man sich wohl eine hitzige Debatte vorstellt, sondern viel mehr damit, wie ein aus dem Lehrbuch kopiertes Problemgespräch verbal umgesetzt wird.
Versteht mich nicht falsch, ich möchte nicht mit den 4 Mädchen tauschen. Es ist alles andere als leicht, Argumente und Fakten in perfekt formulierte Sätze zu packen.
Die Schüler um mich herum scheinen wohl ähnlich zu denken. Das Gespräch scheint einfach auf zu hohem Niveau zu verlaufen, sodass man sich am Ende noch anstrengen müsste, um dem Ganzen zu folgen. Da sind ihre Smartphones doch zu verführerisch. Trotz des Verbots im Plenarsaal sitzt die Hälfte der Kids an ihren Handys.
Die 24 Minuten Finaldebatte ist um und die Jury zieht sich zur Besprechung zurück.
Die Musik vom Anfang beginnt wieder zu spielen und trotz der Bitte, dass man doch in den 8 Minuten sitzen bleiben solle, stehen alle auf und unterhalten sich.
Doch muss gesagt werden, dass viele mir nicht bewusste Argumente hervorgebracht wurden. Debattieren ist wohl eine Kunst, welche man beherrschen muss und auf welche man sich – und das ist wohl auch am wichtigsten – einlassen muss.
Die Beratungszeit ist um und die diesjährige Gewinnerin steht fest:
Helen Schroeder hat die Jury überzeugt.
Sie hatte als Einzige eingeräumt, dass auch die Gegenseite Recht hat.
Auch gefiel, dass sie die Reihenfolge gebrochen und sich ein wenig frei gemacht hat von dem Regelablauf des Debattierens, so Ferdinand Jentsch, der Lehrertrainer von ,,Jugend Debattiert“ in Berlin.

Unterhalten habe ich mich am Ende noch mit meiner persönlichen Favoritin des diesjährigen Wettkampfes, Hanna Buelte. Hier das Interview:

Die zweite Altersgruppe der 10.- bis 13. Klassen debattierte über ein essentiell wichtiges Thema. Die Frage, ob ab 2020 in den Großstädten Deutschlands nur noch Elektroautos als Neuwagen zugelassen werden sollten. Die Stimmung im Saal wird etwas ernsthafter. Manch einer der Schüler legt nun sogar das Smartphone weg, um zu lauschen. Nachdem die zeitlich begrenzten Einleitungsreden gehalten sind, beginnt eine offene Diskussion auf sprachlich und inhaltlich höchstem Niveau. Argumente der Contra-Seite über massiven Stellenabbau durch diese Maßnahme, werden gekontert durch den subventionsgestützten Aufbau eines neuen Absatzmarktes.
Vielleicht durch den gegeben, leichten Vorteil der Contra-Seite, wirtschaftliche Interessen gegen ein radikales Einschneiden in das Privatleben von Millionen von Bürgern zu verteidigen, blüht Konrad Rohr etwas zu sehr in einer Advokatenrolle auf. Sowohl durch seine dominante Körpersprache als auch Stimme und Gestik behindert er leicht den reibungslosen Informationsaustausch, allerdings auf eine sprachlich dermaßen gewandte und überzeugende Art und Weise, dass ihm der 2. Platz im Landesfinale Berlin, und somit das Bundesfinale sicher sind. Den besten Eindruck bei der Jury hinterließ jedoch die sympathische Manyedi Lieck. Sie ließ sich nicht einschüchtern, vertrat nüchtern ihren Standpunkt mit sorgfältig ausgewählten Argumenten, und verdiente sich somit den 1. Platz in ihrer Altersgruppe.

Die Jury sprach begeistert von einer fruchtenden Debatte mit guten Ergebnissen. Hiernach kamen auch die mehr oder minder freiwillig an dieser Veranstaltung teilnehmenden Schüler der Klassen der Debattierenden auf ihre Kosten, denn es wurde zum großen Buffet im Casino geladen, wo sich die Debattantinnen und Debattanten noch einmal mit Vorjahressiegern, Jurymitgliedern und Moderatoren an einem separaten Rundtisch austauschen durften. Somit endete die Veranstaltung für alle Anwesenden versöhnlich. Vielleicht wurde ja auch der oder die eine oder andere animiert, im nächsten Jahr an diesem sinnvollen, sprach- und persönlichkeitsfördernden Wettbewerb teilzunehmen.



“You patriotic junkies” – Depeche Mode und ihr düsteres neues Werk (Rezension)

Vier Jahre nach Veröffentlichung des Vorgängeralbums Delta Machine melden sich Depeche Mode mit ihrem vierzehnten Studioalbum Spirit zurück. Politisch, experimentell und gnadenlos pessimistisch besingt das englische Trio Revolutionen, Fehler und vergiftete Herzen.

Behind The Wheel. Promobild von Depeche Mode zum neuen Album “Spirit”. Bildquelle: http://bit.ly/2nSnTtD

Im Voraus wurde viel über dieses Album gesprochen. Mit dabei die altbekannten Stimmen, die dreiundzwanzig Jahre nach seinem Ausstieg noch immer über die Abwesenheit von Alan Wilder klagen. Allerdings auch jene, die diesem Album vorwerfen, es handle sich dabei nicht mehr um Musik, sondern nur noch um sperrige Klang-Arrangements. Doch wie viel ist wirklich dran? Trifft das neue Album der Briten – mittlerweile Wahl-Amerikaner – den Spirit? Schauen wir uns das doch einmal genauer an und gehen die zwölf Titel der neuen Platte einmal Stück für Stück durch.

01 – Going Backwards

Etwas unüblich für die Band beginnt das Album nicht mit einem Intro. Während bei Delta Machine auf Welcome To My World noch ein Synthie knarzte, bevor sich der Song aufbaute, setzt hier gleich die groovende, piano- und gitarrengetriebene Melodie ein. Der Song schreitet voran, klingt fast schon positiv. Der Text allerdings spricht eine ganz andere Sprache. Dieser thematisiert den Drohnenkrieg, der tausende Unschuldige in den Tod reißt und zwar mit einer fortschrittlichen Technologie arbeitet, in Bezug auf die Mentalität aber in großen Schritten rückwärts geht. Interessanter, grooviger Opener mit einem schlendernden Rhythmus. Live wird der wohl ziemlich etwas hergeben  4,5/5

We’re going backwards
Armed with new technology
Going backwards
To a cavemen mentality – Depeche Mode, “Going Backwards”

 

02 – Where’s The Revolution

Der Vorbote von Spirit. Während wir im Musikvideo Martin, Dave und Fletch mit Karl-Marx-Bärten ein Podium durch die Gegend schieben sehen, bietet uns der Song vor allem breite, elektronische Klänge. Das klingt nach einem in dieser Form ungewohnten Synthie-Orchester, das uns auf eine musikalische Reise schickt. Diese Reise führt zwar vorbei an Straßenprotesten und zerstörten Gebäuden, dennoch bleibt die Aussage stark. Der Text triezt und appelliert den Hörer, Dave Gahan schnauzt uns an, nennt uns “patriotische Junkies” und fragt uns, wo die Revolution bleibt. Ich finde, sie ist genau hier. Ein Song, der vor allem inhaltlich die Richtung von Spirit klar zeigt. Auch musikalisch geht der Text in neue Richtungen. Eine solche Breite war vorher ungewohnt, dasselbe gilt für die Chöre bei “The train is coming”. Vielleicht kein Hit, dennoch durchaus spaßig. Der Song lädt definitiv zum langsamen Nicken ein. Corrupt lässt grüßen. – 4/5

03 – The Worst Crime

Eine leicht bluesig anmutende Ballade. Passend dazu ist Dave Gahans Stimme, randvoll mit Hoffnungslosigkeit und Widerwillen. Gänsehaut erzeugte bei mir die Zeile “So step up to the gallows.” Der Song ist eine pure pessimistische Breitseite mit blutigem Text. Wirkungsvoll, atmosphärisch und sehr stimmig. Dave liefert eine großartige Performance und lässt Martin Gores Worte noch um einiges düsterer wirken. – 5/5

04 – Scum

Um einiges roher geht es weiter. Noch nie haben wir die Stimme von Dave so dreckig verzerrt und übersteuert gehört. Wütend und fast schon herablassend klingen die Strophen. Im Refrain hören wir ein gebrülltes “Pull the trigger”, das gleichzeitig lässig und angekotzt klingt. Im Hintergrund wechseln sich dabei verträumte Synthies mit Rock’n’Roll-Gitarren. Nicht beim ersten, aber beim zweiten Hören, entwickelte dieser Song bei mir seine volle Wirkung. Nicht sehr tanzbar, dafür aber vor allem von inhaltlicher Tiefe. – 4/5

05 – You Move

Der fünfte Track der Scheibe knarzt langsam elektronisch los. Schon nach den ersten Sekunden erinnert der Song an alte Zeiten. You Move klingt wie ein misanthropisches Überbleibsel aus den 80ern mit rockigem Gesang. Die Melodie könnte man in dieser Form auch auf Construction Time Again erwarten. Den alten Zeiten wird also angemessen gehuldigt. Der pessimistische und fast schon zynische Spirit (hihi…) der Platte wird dabei gut integriert. Nostalgie und der Wunsch danach, sich zu dem schleppenden Rhythmus zu bewegen, tragen diesen Song. Kurzum: klingt nach einem Frustabstecher in den suspekten Club um die Ecke, geschwängert von Schwere und Lustlosigkeit. Klingt negativ, ist aber genau der Punkt, der diesen Song so gut macht. – 4,5/5

06 – Cover Me

Mit Abstand das bluesigste Stück des ganzen Albums. Cover Me hätte auch gut seinen Platz auf der letzten Soulsavers-Platte finden können. Gahans angenehme Stimme gleitet über ein paar Gitarren-Strums von Martin. Atmosphärisch ist der Song nicht unbedingt traurig, dafür aber getragen von Melancholie und Verträumtheit. Dave besingt das Morgenlicht, und tatsächlich könnte der Song der Soundtrack für einen Sonnenaufgang sein. Ab der Hälfte des Songs geht der Song in einen langen Instrumentalteil über. Dieser ist um einiges elektronischer und erinnert ein wenig an das, was es 2009 auf der Sounds Of The Universe zu hören gab. Ein weiteres Highlight auf Spirit– 5/5

07 – Eternal

Mit zwei Minuten und 25 Sekunden das kürzeste Lied auf SpiritEternal ist ein von Martin Gore gesungener Interlude, dessen Instrumentierung sich auf ein paar gleitende, elektronische Klänge beschränkt. Martin singt auf sphärische Klänge, was hervorragend klingt und funktioniert. Und wenn mit der Zeile “The radiation falls” plötzlich stampfende Menschenmengen einsetzen, erinnert das nicht nur an Pipeline von Construction Time Again, sondern es greift auch das Thema der Revolution wieder auf. Am Ende klingt das seichte, elektronische Summen fast schon wie eine Sirene. In meinem Kopf entstehen Bilder von einem Vater, der sein kleines Kind im Luftschutzkeller an sich drückt, um es vor den Bomben zu schützen. Ein kleines, aber nicht minder atmosphärisches Stückchen, das wieder dem Leitthema von Spirit Platz bietet: der Hoffnungslosigkeit. – 5/5

08 – Poison Heart

Mit dem achten Song der Scheibe kehren Hoffnungslosigkeit und Trauer wieder in gewohnter Größe zurück. Von der Vergiftung unserer Herzen handelt dieser Song, und der Refrain beschränkt sich auf zwei Worte, die die spirit’sche Grundstimmung ganz gut zusammenfassen: “Oh no.” Sphärisch klingt das Zusammenspiel aus Elektronik und Gitarre, die Strums kommen nicht bluesig, sondern schwebend daher. Zwar wird der Song kein Live-Hit, dennoch ist er schön und melodiös. Trotz des Schmerzes, der diesen Song trägt, ist er angenehm zu hören. Dass dieser Song Thema und Atmosphäre des Albums hervorragend einfängt, steht außer Frage. – 4,5/5

09 – So Much Love

Nanu? Plötzlich ziehen Depeche Mode das Tempo an, dass man fast meint, wir hören hier eine umgedichtete Version des Klassikers A Question Of Time. Der neunte Song auf Spirit zeigt, dass Depeche Mode sehr wohl noch klingen können wie zu Zeiten von Black Celebration. Dieser Song ist fraglos der fröhlichste und schnellste Song der Scheibe, fast möchte ich sagen, dass er zu einem heimlichen Hit avancieren kann. Schön oldschool klingt der zügige Elektro-Beat, sodass man sich im Kopf bereits Dave Gahan vorstellt, wie er rhythmisch seine Hüften zu diesem Song schwingt. So Much Love macht Spaß und lässt für ein paar Minuten die Schwere des Albums vergessen. Es zischt, groovt und ist erstaunlich tanzbar. Da soll mir doch mal einer erzählen, Spirit sei ein einziges Gejaule. 😉 – 5/5

10 – Poorman

Die ersten paar Synthie-Anschläge lassen uns wieder an die frühen Alben denken, dann allerdings setzt ein fast schon gospelartiger Chor ein. Auf diesen folgt ein bis zur Unkenntlichkeit verzerrter Gitarrenriff, der aber verdammt cool klingt. Im Hintergrund schnaufen die Synthesizer wie eine alte Eisenbahn, währenddessen greift der Text fast schon die Everything Counts-Thematik auf. Im Vergleich zum vorherigen Song geht es hier wieder um einiges langsamer zu, und die Zeile “Keeping almost everything they make” wird von Gahan mit Backup von Gore fast schon dahingeseufzt. Der Song klingt wahrhaftig wie ein Dokument einer traurigen Zeit, und das ist er durch seine textliche Aktualität auch. Einer der Schlüsselsongs des Albums, der die Stimmung und Thematik hervorragend einfängt. “There’s no news.” – 4,5/5

11 – No More (This Is The Last Time)

Die ersten Sekunden klingen kurz nach Breathing In Fumes, dann jedoch hören wir Dave Gahan wieder leicht angespannt über Wiederholung philosophieren. Mit einer ordentlichen Portion Attitüde verabschiedet sich Gahan textlich von sich immer wiederholenden Ritualen, während das Instrumental sich wieder auf synthetische Reisen begibt. Wieder klingt es ein wenig nach den Achtzigern, fast möchte ich den Vergleich zu Some Great Reward ziehen. No More klingt von der ersten bis zur letzten Sekunde nach Depeche Mode in Reinform. – 5/5

12 – Fail

Der stimmungsmäßige (nicht der musikalische!) Tiefpunkt des Albums. Jegliche Hoffnung, jegliche Euphorie fehlt diesem Song. Martin Gore fragt uns “Do we call this trying?” und klingt dabei so, als wolle er die Antwort überhaupt nicht hören. Zum ersten Mal in fast vier Jahrzehnten Bandgeschichte lässt Gore in Fail eine F-Bombe einschlagen. Das simple Fazit der ersten Strophe, das Fazit zur aktuellen Lage der Gesellschaft lautet: “Oh, we’re f***ed.” Das Finale von Spirit kommt so pessimistisch daher wie kein anderer Song auf dem Album. Das Instrumental unterstreicht den Text fabelhaft, wir hören gleitende, weite, deprimierte Synthies. Das vierzehnte Depeche Mode-Album endet mit der ultimativen Zusammenfassung des Albums. Die letzten Worte des Songs lauten “Oh, we’ve failed.” Dies allerdings lässt sich von dem Song, von dem gesamten Album, nicht sagen. Ein grandioser Abgesang. – 5/5

People
What are we thinking?
It’s shameful
Our standards are sinking
We’re barely hanging on
Our spirit has gone – Depeche Mode, “Fail”

Fazit

Mit Spirit treffen Depeche Mode mitten ins Herz. Die Texte sind hochaktuell, das Album ist von gigantischer Schwere getragen, das Gesamtkonzept so düster wie nie zuvor. Mit ihrer vierzehnten Platte klingen Depeche Mode wieder voll und ganz wie sie selbst: Gleichzeitig neuartig und treu zu sich selbst. Jede musikalische Phase wird auf diesem Album neu besucht, dadurch ist es um einiges elektronischer als der Vorgänger Delta Machine. Auch textlich kehrt es zurück zu Depeche Modes Wurzeln. Die große Rundreise ist ein geschlossener Kreis, vom ersten bis zum letzten Song wirkt das Album perfekt zusammengestellt. Mit reichlich Erfindergeist und Breite beweisen uns (oder zumindest mir) Depeche Mode, dass es Alan Wilder nicht braucht, um das eigene Erbe gebührend weiterzuführen und – vor allem – zu vergrößern. Meiner Meinung nach das vielleicht beste Depeche-Mode-Album des aktuellen Jahrtausends, textlich sogar eines der wichtigsten Werke der Briten überhaupt. Eine absolute Empfehlung!

Gesamt: 57/60 – 95%

Das neue Depeche Mode-Album “Spirit”, erschienen am 17. März 2017 bei Sony Music/Columbia Records. Bildquelle: http://bit.ly/2mXDed3



Nasser #7Leben

Das Theaterstück „Nasser #7Leben“ im Grips Theater erzählt die wahre Geschichte von Nasser El-Ahmed, der 2015 mit dem „Respektpreis“ des Bündnis gegen Homophobie ausgezeichnet wurde.

Das Leben des Nasser El-Ahmed ist bis zu seinem Outing als Homosexueller nicht gerade bühnenreif, und trotzdem alles andere als angenehm verlaufen. Als Sohn libanesischer Einwanderer in Berlin Neukölln aufgewachsen, erfährt er eine liebe- und respektvolle, streng muslimische Erziehung. In dem Stück erzählt er in Form von Youtube-Videos, direkt adressiert an seine Zuschauerschaft, von der strengen Hand, mit der sein Vater die Familie führt, von der Barmherzigkeit seiner Mutter und von den normalen Problemen eines Teenagers, der um die Erlaubnis zu kämpft, länger auf einem Geburtstag bleiben zu dürfen. Somit kann man, wenn man uninformiert an das Stück herangeht, aus dem ersten Viertel des Theaterstücks gar nicht erahnen, dass Nasser schwul ist. Das soll den Zuschauern die Möglichkeit geben, sich mit Nasser zu identifizieren, ohne jegliche Form von Vorurteilen.

Als seine Eltern dann aber über Umwege von Nassers Homosexualität erfahren, brechen bei seinem Vater alle Dämme. Es beginnt ein Familiendrama, geprägt von Hinterlist und unvorstellbaren menschlichen Abgründen.

Das Bühnenbild ist sehr spartanisch, aber clever eingesetzt. Die Wichtigkeit von sozialen Medien in Nassers Leben wird nicht nur durch das Youtube-Format des Stückes dargestellt, sondern auch durch die immer wieder per Video eingeblendeten Kommentare, die Nasser online erhalten hat. Die gezeigten Reaktionen decken das komplette Emotionsspektrum ab, was teilweise bis ins Mark schockiert.

Susanne Lipp überträgt dies auf das komplette Stück, das sich trotz der todernsten Thematik nicht nur gallebitter gibt, sondern auch mit viel Humor an diese prekäre Situation herangeht. Nassers Weg war also nicht nur von Leiden geprägt, und auch am Ende beweist er wahre Größe und schaut wie in Echt auch auf die positiven Seiten seiner Geschichte, die ihm ein großes Stück Freiheit beschert hat.

Das Stück ist bestärkend für Menschen, die sich in ähnlichen Situationen wiederfinden, und unterhaltend für alle.

Ich hatte das Glück, auf der Premierenfeier im Nachhinein zwischen Freunden, Medien und den Mitarbeitern des Grips-Teams ein Interview mit Katja Hiller zu ergattern, die im Stück die Mutter, den Onkel und die Sachbearbeiterin Nassers verkörperte.

Hier noch eine zweite Meinung zu dem Stück:

Es ist eine schreckliche Geschichte.
Es ist ein schweres Thema.
Vielen wird der Name Nasser El-Ahmad ein Begriff sein.
Und auch wenn du ihn nur ,,schon mal gehört hast“, wirst du das nicht zugeben und dann, wenn der andere nicht hinschaut, so schnell wie möglich noch mal im Internet nachlesen, was denn damals dem 16-jährigen libanesisch-stämmigen Neuköllner widerfahren ist. Du wirst lesen, dass Nasser als erstgeborener Sohn einer sehr streng muslimischen Familie in Berlin-Neukölln aufgewachsen und dass er schwul ist. Aber das ist ja nicht ungewöhnlich, wirst du dir denken.

So dachten aber Nassers Verwandte nicht.
Für Nasser begann eine schreckliche Zeit nach seinem ,,Outing“. Sein Vater und sein Onkel überschütteten ihn mit Benzin und drohten, ihn anzuzünden, übergossen den nackten Körper mit heißem Wasser. Sie versuchten, ihn mit seiner damals ebenfalls minderjährigen Cousine zwangszuverheiraten, was die ,, Ehre der Familie retten“ würde. Als ihnen das nicht glückte und Nasser sich in einem ,,Betreuten Wohnen“ vom Jugendamt versteckte, versuchten sein Vater und seine zwei Onkel, ihn zu entführen.
Als ich im Auto zu mir kam, sagte mein Vater, dass im Libanon der Galgen auf mich wartet.
so der heute 20-Jährige.
Doch er hatte Glück, an der Grenze zwischen Rumänien und Bulgarien flog die Entführung auf und Grenzbeamte befreiten ihn. Kurze Zeit später zeigte er seine Eltern an, wurde damit über Nacht zur neuen Figur der Schwulenszene.

Es ist erschütternd, dass solch schreckliche Geschehnisse heute im einundzwanzigsten Jahrhundert immer noch passieren können und dann noch in einer angeblich so toleranten und modernen Stadt wie Berlin.
Eine Geschichte, die schwer zu verdauen ist.
Leichter jedoch fällt dies durch den locker-poppigen Stil des Stückes. Durch Witz, DiscoMusik und ein lebendig-farbiges Bühnenbild wirkt die Konfrontation schmerzarmer.
Nicht aber weniger tiefgründig. Nasser El-Ahmad, gespielt von  David Brizzi, war es von Anfang an wichtig, dass das Thema Homosexualität und dessen Akzeptanz in unserer Gesellschaft nicht blindlings dem Publikum um die Ohren gehauen wird.

Und trotz des Versuches das ganze locker zu gestalten, habe ich Rotz und Wasser geheult.
Die anderen Besucherinnen und Besucher schienen auch nicht ganz zu wissen, wie sie reagieren sollten auf diese Konfrontation. Ein unbehagliches Gefühl stieg auf.
Klar ist, dass der Vater nicht versteht, was an seinem Handeln falsch ist und war. Er handelt nach dem Willen von Allah. Was wir nicht nachvollziehen können, ist hier selbstverständlich. ,,Es hört sich komisch an, aber mein Vater wollte in seiner Gedankenwelt nur das Beste für mich. Die Art und Weise ist chaotisch und falsch. Aber meine Eltern bleiben meine Eltern – und ich liebe sie noch immerso Nasser im Interview mit dem Berliner Kurier

Das Theater Kollektiv will einen Raum der Gleichberechtigung und ohne Vorurteile eröffnen.

Dafür wird für solche, die sich mit dem Stück im Vorhinein nicht beschäftigt haben, erst spät aufgedeckt, dass Nasser schwul ist. Um so die Möglichkeit zu schaffen, sich mit ihm zu identifizieren. Um jede Voreingenommenheit zu überwinden.

Nüchtern, möchte man sagen, berichtet Nasser von seiner Entführung, von dem was ihm seine Verwandten angetan haben. Er betont immer wieder, dass es sich immer noch um seine Familie handelt und er sie trotz alledem liebt.

Auch betont Nasser immer wieder, dass dies nicht die Auffassung ist, welche alle Muslime teilen.

“Homosexualität oder gar die eigene Sexualität ist doch keine Entscheidung. Wann hat man denn entschieden, hetero zu sein, frage ich jetzt jemanden. Ganz einfach: gar nicht. Man hat nie entschieden, hetero zu sein. Genauso ist es mit Homosexualität. Ich habe mir meine Homosexualität nicht ausgesucht. Sie wurde mir geschenkt“, so Nasser bei Deutschlandfunk.

Das ist es das, worauf es ankommt.

Jeder kommt auf die Welt und ist wie er ist. Ob die Einzigartigkeit und das Leben nun von Allah oder vom fliegenden Spaghettimonster verliehen wurden spielt keine Rolle.

Das Einzige, was wichtig ist, ist, dass wir uns akzeptieren genau so wie wir sind.

Wenn ihr also mal wieder ins Theater wollt, dann lege ich euch wärmstens das Stück ,, Nasser#7Leben” ans Herz.

Tickets gibt es erst wieder ab Mai.



Typisch nazideutsch-martialisch? – Rammstein und ihre Symbolik (Kommentar)

Wer Rammstein im Jahr 2017 noch als eine Nazi-Band hinzustellen versucht, hat seinen Job als Journalist nicht gemacht. Eine Auseinandersetzung.

Am 16. März dieses Jahres wurde auf der Webseite des renommierten Magazins SPIEGEL ONLINE ein Beitrag mit dem Titel “Rammstein in der Volksbühne – Der Konkurs” des Autors Jens Balzer veröffentlicht. Der ursprüngliche Titel des Artikels lautete “‘Rammstein:Paris’ an der Volksbühne – Die Urszene von Pegida und AfD”, dieser wurde allerdings mittlerweile verändert. Dass er einmal als Überschrift zu dem Text diente, den ich im Folgenden behandeln möchte, lässt sich noch an der URL erkennen.

Doch was ist der Hintergrund? Am 16.03. fand in der Berliner Volksbühne die Premiere des neuen Rammstein-Konzertfilms “Rammstein:Paris” statt, einer aufwendig produzierten Aufnahme, deren Ziel es war, den Zuschauer so nahe wie möglich an das Erlebnis Rammstein, an das erst auf der Bühne komplettierte Gesamtkunstwerk ihrer Musik, heranzuführen. Der Artikel beschäftigt sich mit ebendieser Premiere, wobei es allerdings kaum um den Film geht.

Ich, der ich sowohl Journalist als auch Rammstein-Fan bin, habe zu diesem Beitrag einiges zu sagen. Zu Beginn möchte ich eine Sache feststellen: Ich finde, wer sich mit dem Phänomen Rammstein schriftlich auseinandersetzt, sollte wenigstens versucht haben, die Musik der Band zu verstehen. Nicht, weil man sie mögen muss. Doch es hätte diesem Beitrag sehr geholfen.

Schon nach den ersten Sätzen fiel mir auf, dass dieser Artikel eindeutig eine Kolumne ist. Als solche ist er allerdings auf der SPIEGEL ONLINE-Webseite nicht gekennzeichnet. Schon im Aufhänger ist der Satz “Schade, dass die Premiere des Films ‘Rammstein:Paris’ alles entwertet, wofür das Haus einmal stand.” Dies war die erste Stelle, die mich als Leser stutzen ließ. Das Haus, die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz also, stand seit jeher für sozialdemokratische bis kommunistische Werte. Inwiefern wird das durch Rammstein, dem bekennend linken “Hochamt für deutsche Sprache” (laut Welt), entwertet?

Sie sagten grundlos: ‘Schade um die Noten! So schamlos; Das gehört verboten!’ – Rammstein, “Los”

Jens Balzers Beitrag hat ein großes Problem: Er beschäftigt sich mehr mit seiner (zugegebenermaßen sehr guten) Sprache, konstruiert Schachtelsätze und findet hier und da auch schöne Formulierungen. Dabei allerdings scheint er mehr auf Herablassung abzuzielen als auf wirkliche Auseinandersetzung. Denn schon in dem im letzten Absatz zitierten Satz presst er Rammstein ein Image auf, das so alt ist wie die Band selbst: eine offen rechte Gesinnung.

Und damit macht Balzer bereits in den ersten Sätzen des letztendlichen Texts weiter. So sind Rammstein mal eine “maskulin-teutonische Stadionrockgruppe”, wenig später dann “sechs ruß- und ölverschmierte Herrenmenschen”. Die Richtung ist klar. Schon das erste Cover der Band, das die Mitglieder oberkörperfrei und verschwitzt vor dem Abbild einer riesigen Blume zeigte, war in Kritik geraten, weil es sich angeblich Herrenmenschen-Ästhetik bediene.

Das Cover des Rammstein-Debütalbums “Herzeleid” (1995), das für die angebliche Herrenmenschen-Darstellung in die Kritik geraden war. Bildquelle: http://bit.ly/2mQZndi

Doch was braucht es, um in ein paar Muskeln so etwas zu sehen? Ist dann der Rapper Kollegah, wenn dieser seinen muskelbepackten, entblößten Oberkörper präsentiert, auch ein Herrenmensch? Gehören nicht gewisse Vorurteile dazu, um zu dieser Assoziation zu kommen?

Wenig später im Text (in der Zwischenzeit spricht Herr Balzer erstmals tatsächlich über den Film, an dem er ebenfalls kaum ein gutes Haar lässt) ist dann von Rammstein-Frontmann Till Lindemann und “seinem typisch nazideutsch-martialischen Rollen des ‘R'” die Rede. Moment! Das gerollte ‘R’ ist typisch nazideutsch?

Natürlich, die Assoziation ist nicht völlig abwegig, schließlich ist ein gewisser Adolf Hitler einer der bekanntesten Nutzer eben dieser linguistischen Eigenart. Aber typisch nazideutsch? Hierbei versucht Jens Balzer, diese von ihm vorgenommene Verknüpfung als Fakt hinzustellen. Wie gesagt, es ist nicht unbedingt weit hergeholt, dabei an Hitler oder Goebbels zu denken. Das macht es dennoch nicht zu einem Nazi-Phänomen!

Würden wir das rollende ‘R’ grundlegend als das abstempeln, was Jens Balzer in seinem Beitrag behauptet, so würden sich Otto Wels, Marcel Reich-Ranicki, ach, so gut wie jeder Chanson- oder Opernsänger der Welt “nazideutsch-martialischer” Stilmittel bedienen.

Till Lindemann und das gerollte ‘R’ – mit gespaltener Zunge gesprochen. Bildquelle: http://bit.ly/2nzSxIY

Rammstein sind ein komplexes Kunstwerk. Ja, die Musik mag martialisch, stampfend wirken, die tiefe Stimme des Sängers und das berühmte ‘R’ mit Sicherheit düster, die Springerstiefel, die er dabei trägt und die harten Worte, die er singt, sehr deutsch. Aber damit kratzen wir doch nur an der Oberfläche. Springerstiefel werden heute ja auch eher in der linken Szene getragen. Jens Balzer ist mit Sicherheit ein intelligenter Mann, er zeigt es anhand der Sprache in seinem Artikel. Was allerdings auffällt, ist, dass genau diese kaum Stilmittel enthält. Ein Verständnis für Stilmittel ist jedoch notwendig, um das alles aufzubröseln und von der Spitze des Eisberges in das pechschwarze Meer einzutauchen, in dem sich das Herzstück von Rammstein bewegt: die Lyrik.

So sehr Jens Balzer versucht, Rammstein als primitive Rechts-Rocker darzustellen – und das tut er, daran lässt er keinen Zweifel – ihm gelingt es nicht, die Gruppe zu entkräften. Sein herablassender, schachtelsatzreicher Stil kann nicht darüber hinwegtäuschen, worum es ihm geht: Um die pure Reduzierung Rammsteins auf Nazi-Vergleiche.

Plötzlich findet ein Bruch im Artikel statt. Unter der Teilüberschrift Das letzte Großereignis einer Ära” schwenkt Balzer thematisch von der Band zum Intendanten des Hauses, Frank Castorf. Wir erfahren etwas über eine “siebenstündige ‘Faust’-Inszenierung”. Schön und gut, doch was hat diese mit dem bisherigen Inhalt der Kolumne zu tun? Was ist der rote Faden des Textes? Rammstein, Frank Castorf, oder Faust? In meinen Augen zumindest ist es die offensichtlich fehlende Struktur Balzers, die durch diesen unangekündigten Einschub zum Teil entlarvt wird. Er erinnert mich an meine strukturlosen ersten Versuche im Bereich des humoristischen Texts. Diese allerdings hatte ich mit vierzehn, fernab jeglicher Erfahrung und außerhalb einer einflussreichen Redaktion wie dem SPIEGEL.

Rammstein-Gitarrist Richard Z. Kruspe im Film “Rammstein:Paris”. Bildquelle: http://bit.ly/2n6iZvS

Nach diesem drei Absätze umfassenden Diskurs kehrt der Beitrag jedoch wieder dahin zurück, wo er begann. Vom “Maskulinismus-Chic der ‘Neuen Deutschen Härte'” ist jetzt die Rede. Herr Balzer, bitte fühlen Sie sich durch das, was ich jetzt frage, nicht beleidigt, aber: Sind Sie sich überhaupt dessen bewusst, dass Rammstein schon durch die Aufstellung der Mitglieder Ihren gesamten Punkt widerlegt? Dass es in dieser Band einen Christian “Flake” Lorenz gibt, einen großen, dürren Mann mit liebem, weichem Gesicht, der genau gegen diesen “Maskulinismus-Chic” steht? Der durch seine bloße Anwesenheit beweist, dass Rammstein nicht mit Rechts kokettiert, sondern Rechts parodiert?

Rammstein unterlaufen die totalitäre Ideologie nicht durch ironische Distanz, sondern durch Konfrontation mit der obszönen Körperlichkeit der ihr zugehörigen Rituale und machen sie damit unschädlich. – Slavoj Žižek, ZEIT Online

Jens Balzer bezeichnet Rammstein als “sonderbar humorlos” und beweist damit, dass er sich schlicht und ergreifend mit der Band nicht auseinandergesetzt hat. Er mag Rammstein ganz offensichtlich nicht, und das ist ja auch okay so. Doch hat er sich offensichtlich nicht einmal die Mühe gemacht, sich mit den Inhalten zu beschäftigen. Oberflächlichkeiten sind das, was er in diesem Text verarbeitet und uns als Fakt präsentieren möchte. Wie stark er sich damit in sein eigenes Fleisch schneidet, zeigt er schon im nächsten Satz:

“Da hilft auch nicht, dass sie aus Ostberlin kommen”

Entschuldigen Sie bitte meinen Ton, aber: Was für eine Frechheit besitzt Jens Balzer? Mit welcher Arroganz schreibt er seine Worte? Nie hat die ostdeutsche Herkunft der Band als Entschuldigung gedient. Herr Balzer, bitte erlauben Sie mir, folgendes Zitat von Till Lindemann aus einem Rolling-Stone-Interview hier anzubringen: “Wir waren früher entweder Punks oder Gruftis – wir hassen Nazis!” Es ist falsch, dass die Bandmitglieder “sich auf Nachfrage als Linke bezeichnen”. Die Band hat diesen Nazi-Vorwürfen vor sechzehn Jahren bereits ein Lied gewidmet.

Sie wollen mein Herz am rechten Fleck, doch seh ich dann nach unten weg, dann schlägt es links. – Rammstein, “Links 2 3 4”

“Die Rammstein-Ästhetik ist die Urszene der Das-wird-man-ja-wohl-man-noch-mal-sagen-dürfen-Einstellung, von der die Björn Höckes des Landes bis heute zehren.”

Ich habe in Bezug auf Rammstein schon viel Falsches gelesen. Viele Menschen, die sich selbst als intellektuelle Elite sehen, versuchen, von oben auf die Band herabzusehen und das Ganze als primitiv abzustempeln. Aber dieses Zitat von Jens Balzer ist an Brutalität und Dreistigkeit nur sehr schwer zu überbieten. Björn Höcke, ein verkappter Nationalist mit Goebbels-Mentalität hat mit Rammstein nicht im Entferntesten etwas zu tun. Rammstein mögen zwar “harte Musik” mit deutschen Texten machen. Wenn man der Band aber Nazismus unterstellen will, hilft es, diese deutschen Texte überhaupt einmal zu lesen.

Rammstein sind selten politisch, oft aber provokativ. So thematisieren sie in ihrer Musik den Kannibalen von Rothenburg oder Joseph Fritzl. Wenn es aber mal politisch wird, und das ist in den wenigsten Songs der Fall, dann geht es eindeutig nach links. So kritisierten Rammstein schon den Lebensstil eines Donald Trumps, bevor überhaupt an seine Präsidentschaft zu denken war, im Song “Mehr”. Wie man es auch dreht und wendet: Rammstein ist alles Mögliche, aber nicht die Urszene für Pegida! Die wirklich Rechten, lieber Herr Balzer, die hören nicht Rammstein. Die hören FreiWild, Gigi und die Braunen Stadtmusikanten oder Stahlgewitter, die ekelhafte Sätze singen wie “Wehrmachtsoldaten – von Bonzen, Linken und Kommies verraten.”

“Rammstein an der Volksbühne: Das ist der komplette Konkurs einer einstmals emanzipatorischen Institution, die sich zu ihrem Ende aus falsch verstandenem Trotz gegen den als ‘neoliberal’ diskreditierten Internationalismus des ungeliebten Castorf-Nachfolgers Chris Dercon nun willenlos in die Arme des deutschnationalen Mainstreams wirft. Alle, die dieses Haus immer noch lieben, können an diesem Tag nicht anders, als sich zu schämen.”

Rammstein vor der Volksbühne. Bildquelle: http://bit.ly/2mQTa0U

Deutschnationaler Mainstream? Herr Balzer, fehlende Sympathie ist keine Entschuldigung dafür, dass Sie mit diesem Artikel vor allem an einem gescheitert sind: an Ihrem Job. Als Journalist ist es doch Ihre heilige Pflicht, genau solch oberflächliches Gezänk zu vermeiden. Erlauben Sie mir, mich einmal Ihres Stils zu bedienen: Alle Ihre Kollegen, die ihren Job immer noch lieben, können an diesem Tag nicht anders, als sich zu schämen.

Mir scheint, als schreiben Sie ohne jegliche journalisitische Distanz, dafür aber mit viel unbegründeter Wut und massenweise Vorurteilen. Leider sehe ich mich an dieser Stelle gezwungen zu sagen: Nein, nicht Rammstein ist die Urszene von Pegida und AfD, sondern Ihre Art und Weise der “Argumentation”. Uninformiert, oberflächlich, laut gebrüllt, mit großen Worten und offensichtlicher Wut zelebrieren Sie in Ihrem Artikel eindeutig widerlegbare Aussagen. Damit möchte ich Sie keinesfalls als Nazi bezeichnen, nichts läge mir ferner. Doch Sie argumentieren nach demselben Muster wie jene Menschen, die wir beide harsch kritisieren. Doch wenn wir kritisieren, müssen wir beide das doch auf fundierte Weise, professionell und distanziert tun. Wieso also schreiben Sie über ein Thema, wenn Sie nicht einmal die Energie aufbringen wollen, das zu tun, was ein Journalist immer und immer wieder tun sollte: das Offensichtliche zu hinterfragen und tiefer in die Materie einzutauchen? Das kann doch nicht Ihr Anspruch sein. Wer einfach nur “Rammstein sind Nazis” ruft, macht es sich viel zu einfach.

Ihre Kolumne, Herr Balzer, ist ein ärgerliches und vermeidbares Armutszeugnis, mit dem Sie niemandem, auch nicht sich selbst, einen Gefallen tun. Die zahlreichen Kommentare zu Ihrem Beitrag sprechen hierbei für sich. Wie gesagt: niemand erwartet von Ihnen Lobhymnen, Sie müssen auch gar nicht nett sein. Aber das Verbreiten von Falschinformationen in dieser Form möchte ich nicht hinnehmen. Ich glaube Ihnen ja, dass Sie ein guter Journalist sind und dass Sie es schaffen können, solche radikalen Ausfälle zukünftig zu vermeiden. Zu dieser Kolumne von Ihnen bleibt mir als Fazit nichts Anderes zu sagen als: “Der Neider hat es schlecht gewusst.”

Solange Medien wie der “Stern” oder der “Spiegel” uns hassen, ist die Welt in Ordnung. – Christian “Flake” Lorenz im Rolling-Stone-Interview



Lebensmittel auf dem Prüfstand

Was wissen wir nun eigentlich über unsere Lebensmittel? Versprochen wird uns in der Werbung Vieles, aber was davon stimmt wirklich? Was steckt da tatsächlich drin in unserem Essen?

Die Non-Profit Organisation Foodwatch existiert seit 2002 und klärt seitdem über versteckte und teilweise gefährliche Inhaltsstoffe auf. Zudem setzt sie sich für eine bessere Kennzeichnung ein und versucht, mithilfe von verschiedensten Aktionen, die aktuelle Lage zu verbessern. Jährlich seit 2009 wird der „Goldene Windbeutel“ für die dreisteste Werbelüge verliehen. Diesen haben schon viele bekannte Produkte wie Actimel oder Capri-Sonne gewonnen. Ein besonders aktuelles Thema ist die Ampelkennzeichnung, welche Verbrauchern das Erkennen und Vergleichen von Nährwertangaben erleichtern soll. Für die Durchsetzung dieses Vorhabens und um den Vorschlag in die Wahlprogramme einzubringen, verschickt Foodwatch E-Mails seiner Unterstützer an verschiedene Parteivorsitzende.

Lebensmittelkennzeichnung, Verbrauchertäuschung und  Lebensmittelpolitik – Eine Vielzahl interessanter Themen. Wir waren in der Berliner Zentrale von Foodwatch und haben Sophie Unger, einer Mitarbeiterin und Campaignerin, unsere Fragen gestellt:



Gesunde Ernährung- Was ist das denn ?

Du bist Vegetarierin, oder Frutarier? Du isst lieber abends eine Tiefkühlpizza als eine langweilige Scheibe Brot? Tja, all das ist möglich, doch was ist jetzt (un-)gesund für uns, oder was ist die beste Ernährung?

Das Internet ist voll mit Tipps und Tricks, wie man sich am besten ernährt, aber was ist denn jetzt die Top-Variante um gesund und glücklich zu bleiben und für immer und ewig zu leben? Genau da liegt der Hase im Pfeffer. Es weiß niemand. Also wirklich niemand, nicht mal das Bundesministerium für Bildung und Forschung oder andere hohe Wissenschaftler.

Jeder Mensch is(s)t anders. Natürlich kann man sich nach Ernährungsempfehlungen richten oder verzweifelt im Internet surfen, um eine Tabelle zu finden, auf der steht, wie viele Kalorien man mit 15 Jahren oder mit 42 Jahren zu sich nehmen sollte. Ich betone mal das sollte, da eigentlich auch diese Tabellen oder Empfehlungen nicht richtig sind, denn der individuelle Bedarf kann nicht nach groben Richtlinien festgelegt werden. Was dem einen vielleicht hilft, gesünder zu leben und abzunehmen, kann den anderen wiederum krank machen oder ihn/sie sich schlapp fühlen lassen.

Auf leckere Plätzchen verzichten? – Unvorstellbar!

Was ist denn jetzt gesund und was nicht ? Es gibt so viele verschiedene Diäten und Ernährungsweisen (z.B.: Veganer, Frutarier, Puddingvegetarier etc.), um vermeintlich gesund zu leben und trotzdem lebt man nicht länger, wenn man auf Fleisch verzichtet oder auf Süßigkeiten (was ziemlich idiotisch ist!).

Wer hat eigentlich entschieden, dass dünn und schlank sein schön ist? Früher waren doch die reichen Leute stabiler gebaut und repräsentierten damit ihren Wohlstand. Für die meisten Leute wird der Begriff “gesunde Ernährung”, mit Abnehmen, Sport, dünnen und gut trainierten Körper in Verbindung gebracht. Kann gesunde Ernährung nicht auch einfach dann entstehen, wenn wir uns wohlfühlen und uns das Essen schmeckt? Warum sollen wir denn trockene Salatblätter in uns rein stopfen und auf die schönen, leckeren Schmakazien verzichten? Nur weil uns das irgendwelche Sport-Gurus gesagt haben?

Meiner Meinung nach, sollten wir das Leben genießen, und zwar in allen möglichen Facetten!

Zugegeben, ich habe mir für dieses Jahr vorgenommen, mehr Sport zumachen. Das heißt aber ganz sicherlich nicht, dass ich meinen Nutella-Freitag aufgeben werde! Denn ich finde, jeder sollte für sich entscheiden, wie er/sie gesunde Ernährung definiert. Außerdem gehört Sport nicht zu einer gesunden Ernährung, denn als ich so durch das Netz surfte und nach der angeblich richtigen Definition von gesunder Ernährung suchte, fand ich auf vielen Seiten auch gleich Fatburn-Tipps oder Workouts und andere Sport-Ideen um abzunehmen. Auf keinen Fall möchte ich erreichen, dass alle Leute jetzt nur noch Essen in sich reinstopfen, zu Hause herumsitzen und sich nicht mehr bewegen. Obwohl eigentlich jeder es so machen kann, wie er/sie will. Für mich ist Sport nur ein Weg, mich mehr auszupowern und etwas fitter zu werden.

Lieber Obst und Gemüse oder Gummibärchen? Auch das Elternhaus prägt einen hier sehr.

Eine Studie hat bekannt gegeben, dass Jugendliche und junge Erwachsene immer mehr zu Tiefkühl-Fertigmenüs greifen und nicht mehr wirklich selbst kochen. Das hängt meist mit ihren Vorbildern (oft die Eltern) zusammen. Denn wenn man in einer Familie aufwächst, die immer frisch kocht, lernt man schon von klein an viele verschiedene Rezepte und genauso ist es bei den Familien, die nicht oder wenig kochen. Denn: “Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr!”. Also: wenn man mit Tiefkühlkost groß wird, kann es sein, dass man das übernimmt und dann wiederum an seine Kinder weitergibt. Gesund sind Fertigprodukte nicht wirklich, denn zum Beispiel sind in Tiefkühl-Pizza oft viel zu viel Salz, Kalorien, Geschmacksverstärker oder Zusatzstoffe drin, sagt Öko-Test.

Ein anderes Thema ist auch das Schulessen, welches ziemlich zu wünschen übrig lässt. Es heißt, dass gutes Schulessen den Staat für alle Kinder und Jugendlichen ca. 500 Millionen Euro jährlich kosten würde. Man denkt sich jetzt vielleicht, dass das eine Menge an Geld ist, doch vergleicht man es mit dem, was der Staat jährlich fürs Militär ausgibt, ist das nur ein Bruchteil davon. Deshalb ist auch die Qualität des Essens echt nicht gut. Im Schnitt soll Schulessen nur 2,50 Euro kosten, doch ein richtig gutes mit top Qualität gibt es erst für 4,00 Euro. Diesen Preis können sich wiederum nicht alle Eltern pro Tag leisten. Und so entsteht ein Teufelskreis! Der Staat gibt die Verantwortung an die Kommunen weiter und die geben es wiederum an die Schule, welche die Verantwortung schlussendlich weiter an den Caterer geben und der soll billig liefern. Der nächste Teufelskreis! So kommt es, dass wir Schülerinnen und Schüler nicht gerne in der Schule essen gehen und uns lieber etwas beim Kiosk oder im Supermarkt holen.

Apropos Supermarkt: ein anderes Problem ist die Marktmacht von einigen Konzernen. In Deutschland haben wir vier große Einzelhändler, die unseren Markt bestimmen, was heißt, sie entscheiden, welche Lebensmittel produziert werden und welche in die Regale kommen. Mit den meisten Anteilen haben wir EDEKA (25,3%), dann kommt REWE (15,0%), Schwarz, bzw. LIDL und Kaufland (14,7%) und dann kommt ALDI (11,9%). Die restlichen 33,1 Prozent sind kleinere Einzelhändler, die immer weniger Mitspracherecht bekommen. Im Tagesspiegel steht, dass die Lieferanten darunter leiden, denn die Supermärkte diktieren ihnen die Preise und Konditionen und die Lieferanten müssen sich beugen… Deshalb sind die Bäuerinnen und Bauern das schwächsten Glied in der Lieferkette, denn das, was sie verdienen, ist nicht viel und das hat mit der Präsenz der Großkonzerne zu tun, denn die sind sozusagen die Chefs und all das führt zu einer Ungerechtigkeit und Ungleichheit in der Industrie.

Käse, Milch und Schokolade – Darauf verzichten Veganer.

Ich habe das Internet auch mal nach Ernährungsweisen gefragt. Ich habe natürlich Vegetarier, Veganer und Frutarier gefunden, welche ich schon mal in meinem Leben gehört habe, doch dann bin ich auf Worte bzw. Namen gestoßen, die ich noch nie gehört hatte wie zum Beispiel: Pescetarier, Puddingvegetarier, Flexitarier und Freeganer. Ich dachte mir nur, wer denn bitte die Idee für solche Namen hatte. Ich habe nichts gegen Leute, die auf verschiedene Dinge verzichten, einige meiner Freundinnen sind auch Vegetarierinnen und ich bewundere sie dafür, dass sie nie, also wirklich nie, Fleisch essen. Es gibt die, die kein Fleisch essen, aber Fisch, manche essen kein Fleisch, weil die Tiere nicht zu Schaden kommen sollen oder andere essen zwar Fleisch und Fisch, aber es darf nicht bei über 40 Grad zubereitet sein. Als ich mir diese ganzen verschiedenen Varianten durchgelesen habe, habe ich festgestellt, dass ich wahrscheinlich eine Flexitarierin bin, da ich manchmal auf Fleisch verzichte, einfach nur, weil ich so viel Fleisch nicht mag und Fisch mir nicht schmeckt.

Durch Fleischkonsum sterben nicht nur Tiere, es ist außerdem eine große Belastung für die Umwelt.

Was auch erschreckend ist, ist wie viele Liter Wasser man für 1 kg Rindfleisch braucht. Ein drei Jahre altes Rind verbraucht 15.500 Liter Wasser. Jetzt denkt nicht, dass die Tiere so viel Wasser trinken. Nein, die Zahlen entstehen schon bei der Herstellung der Nahrung für die Tiere, denn sie werden mit Mais, Soja und Weizen gefüttert, welches ziemlich viel Wasser bei der Herstellung braucht, nämlich 15.300 Liter. Dann kommt natürlich das Wasser, welches sie direkt trinken, dazu, was ca. 24 Kubikmeter Wasser sind, und dann noch 7 Kubikmeter Wasser für die Reinigung der Ställe. Am Ende haben wir ein Kilo Rindfleisch, was so viel Liter Wasser verbraucht, wie wenn ein Mensch ein Jahr lang täglich duschen würde. Noch ein kleiner Vergleich… Für ein Steak braucht man ungefähr 4.000 Liter Wasser. Also wenn man auf Fleisch verzichtet, ist das nicht nur gut, weil man aktiv etwas gegen Massentierhaltung tut, sondern man mindert auch den Wasserverbrauch. Wenn jetzt nur eine/r auf Fleisch verzichtet, verändert das nicht gleich die Welt, aber da die Vegetarier Community immer mehr wächst, kann das dann etwas ausmachen.

So, eine Menge Infos, ein bisschen von meiner Meinung und ziemlich viel Essen. Das war’s von mir und ich hoffe, dass ich vielleicht ein bisschen zum Denken angeregt habe und dass ihr für euch definieren könnt, was denn jetzt gesunde Ernährung ist.



Schüler im Praktikum

“Wir sehen uns erst wieder, wenn ihr von eurem Praktikum zurück seid. Bis dann.”

Diesen Satz hörte ich in der letzten Woche oft von verschiedenen Lehrern und
auch in der Pause gab es kein anderes Gesprächsthema als: das Praktikum.
Jetzt ist es soweit. Zwei Wochen sind wir, die Neuntklässler, unterwegs, um einen
genauen Einblick in die Berufswelt zu erhalten, Erfahrungen zu sammeln und dem Schulalltag mal zu entfliehen. Einfach nur wunderbar! Jeder freut sich auf die Zeit
und ist selbstverständlich auch aufgeregt…

In welcher Jahrgangsstufe man das Praktikum macht und wie lange es stattfindet,
hängt vom Schultyp ab. Um einen guten Platz, der einem sehr gefällt, zu
erwischen, sollte man sich schon rechtzeitig bewerben, da die Nachfrage oft sehr
groß ist. In der Schule ist es Pflicht ein Praktikum zu machen, deshalb lernt man
dort wie man Bewerbungen schreibt und alles, was sonst noch dazu gehört.

Mein Praktikum mache ich bei Alex Berlin. Meine Aufgabe ist es, einen Artikel für den
Blog der Jugendredaktion DIGGA zu schreiben. Das Thema lautet: Schüler im Praktikum. Um so viele Eindrücke wie möglich zu bekommen, kontaktiere ich ein paar Klassenkameraden, damit ich sie an ihrem Arbeitsplatz besuchen und interviewen kann. Die Termine wurden schnell ausgemacht und nun mache ich mich auf den Weg.

Kindergarten NordOst EigenSinn,                    Berlin Weißensee

Ich stehe vor dem Kindergarten NordOst in Lichtenberg, natürlich nicht, um mein Geschwisterkind abzuholen, sondern weil hier mein erstes Interview stattfindet.
Leider sind die Türen aufgrund des Streiks zwei Tage geschlossen, doch ich kann trotzdem mit Ben, dem Praktikanten, reden.
Er erzählt mir viel von seinem Praktikum und dem Alltag mit den Kindern.

 

Sana Klinikum, Berlin-Lichtenberg

Es riecht nach Desinfektionsmittel und überall sind weiße Kittel.
Ich befinde mich im Sana Klinikum, um Maja, meine Interviewpartnerin, zu besuchen.
Da sie auf der Intensivstation der Früh- und Neugeborenen arbeitet und nur Krankenschwestern und die engsten Familienmitglieder diese betreten dürfen, setzen wir uns in einen separaten Raum im Gebäude und beginnen das Interview.
Ich erfahre eine Menge über die spannende Arbeit auf der Station.

 

 

Ich schaue mich um. Überall stehen Monitore, es gibt meterlange Kabel und ich höre
das Klicken der Computer-Mäuse. Ich bin bei der Qwertz Media GmbH in Berlin-Mitte gelandet. Gino, der hier sein Praktikum macht, berichtet mir von seinen täglichen Aufgaben am Rechner. Eine interessante Arbeit, die er da macht…

Qwertz Media GmbH, Berlin-Mitte

 

Anna-Seghers-Bibliothek, Berlin-Lichtenberg

Es ist sehr leise um mich herum, kein Wunder, denn ich bin in einer Bibliothek.
Zwischen den Bücherregalen der Anna-Seghers-Bibliothek in Lichtenberg finde ich Klara. Wir sprechen über das, was sie dort zu tun hat und wie es ihr gefällt.
Ich persönlich fand das Gespräch sehr kurzweilig und man hat erfahren, was den ganzen Tag über dort gemacht wird.

 

Es hat mir großen Spaß gemacht, zu sehen und natürlich auch zu hören, wie es
anderen Schülerinnen und Schülern in ihrem Praktikum geht. Ich habe verschiedene Berufe näher kennengelernt und konnte viele Eindrücke sammeln. Meiner Meinung nach war es eine sehr coole journalistische Arbeit, die mir Freude bereitet hat. Hoffentlich bekomme ich bald wieder eine Gelegenheit sowas zu machen. Da bin ich offen für Neues!

Die ganze Radio-Reportage dazu könnt ihr euch hier anhören:



Rückblick auf die Berlinale 2017

Leider ist die Berlinale 2017 jetzt schon seit ein paar Tagen vorbei! 🙁 Doch bevor wir uns für dieses Jahr verabschieden, haben wir unsere Eindrücke vom Filmfestival noch einmal lyrisch verarbeitet. Also leset hier und jetzt:

Das Bärenstark- Gedicht 

Achtung, Achtung, jetzt geht’s los,
Kamera an, wie läuft das bloß?
Ton zu laut und Bild nicht scharf,
was alles nicht geschehen darf!
Die Liste ist unendlich lang,
da braucht man gar nicht anzufang’n,
doch nun schnell die Moderation,
die Besucher gehen schon!

Kurz die Leute abgefangen,
doch die meisten geh’n von dannen,
denn sie haben kein Verlangen
uns ein Interview zu geben,
Mensch, was ist das für ein Leben!

“Wir sind Bärenstark: Hallo!
Wie fanden Sie den Film denn so?”
Nun schnell passend reagieren,
spontan Fragen redigieren,
‘n bisschen Deep, ‘n bisschen Witz,
so gefällt es auch den Kids!

Aber halt! Was seh’ ich da?
Für wahr, für wahr, es ist ein Star!
Oh mein Gott, wie sitzt mein Haar?
“Guten Tag, wär’n sie bereit,
für ein Interview zurzeit?”
“What, I’m sorry, English please!”
“Äh, one moment, please don’t leave.”
Star is confused, die Crew verschwitzt,
läuft doch alles wie geritzt!

Was jetzt noch fehlt ist die Kritik,
das Wertsystem fast Math’matik!
Es wird gestritten, debattiert,
jedes Detail analysiert,
so kommt die Redaktion zum Schluss,
wer wie viel Bären kriegen muss!

Doch halt, wer hätte es gedacht:
Es gibt noch mehr, was Bärenstark macht,
denn wir berichten crossmedial,
und das aus jedem Kinosaal!

Montag war ein Peilo-Tag,
wie man ihn sich nicht denken mag,
drei standen zur rechten Zeit,
leider am falschen Kino bereit.

Zehn Tage Berlinale,
die sind nun vorbei,
und nächstes Jahr im Februar,
sind wir wieder dabei!

Wie ihr auch schon im Gedicht gelesen hat, läuft trotz der besten Planung nicht immer alles so, wie es soll und auch vor der Kamera kommt es oft zu witzigen Situationen. Also hier noch ein letztes Video für dieses Jahr!



Welche sind die Gewinnerfilme der Berlinale?

Wie schnell der Februar doch vergehen kann! Die Berlinale ist vorbei, Bärenstark verabschiedet sich, aber vorher erzählen wir euch noch vom krönenden Abschluss:

In den letzten Tagen der Berlinale hatten wir einige spannende Interviews, zum Beispiel mit Maryanne Redpath, der Sektionsleitung der Berlinale Generation:

Wir haben uns intensiv mit Filmen und verschiedenen Genres beschäftigt: Was macht einen Kurzfilm aus? Wieso ist ein Kurzfilm genauso toll ist wie ein Langfilm? Für unser Kurzfilm-Special haben wir auch einen kurzen Abstecher zu den Berlinale Shorts gemacht und mit der Kurzfilmemacherin Brenda Lien und der Kuratorin Maike Mia Höhne gesprochen.

Und natürlich konnten wir uns noch einige Filme ansehen!

Weirdos – Wir sind alle Andy Warhol

Obwohl das Wetter um einiges angenehmer und sonniger als in den letzten Tagen war, waren wir doch alle ziemlich verwirrt, wieso schon am Mittag mehrere (für uns in diesem Moment unspezifische) Groupies vor dem roten Teppich am Zoo Palast mit Wärmedecken und Schlafsäcken campierten. Leider wollte uns keiner von ihnen ein Interview geben und so blieben wir im Unwissenden darüber, auf wen sie warteten und welcher Promi uns wohl bei “Weirdos” begegnen würde.

Es gab keinen großen Star bei “Weirdos”, aber das braucht es auch nicht. Der kanadische, schwarz-weiße Roadtrip-Streifen hat nicht nur durch die mal witzigen, mal dramatischen Geschichten manche Herzen des Bärenstark-Teams erobert, sondern auch durch die perfekt durchdachten Aufnahmen, den einzigartigen Soundtrack und die authentischen und talentierten Schauspieler beeindruckt. Dass nicht alle der gleichen Meinung waren und wie viele Bären wir ihn bei den Critics gegeben haben, seht ihr hier:

Erst drei Stunden später als wir aus Kino kamen, fanden wir heraus, dass die Groupies seit dem frühen Morgen nur auf Robert Pattinson gewartet hatten, der erst weitere Stunden später zur Premerie eines anderen Films kommen sollte. Es war für uns unerklärlich, wieso sie ihren ganzen Tag dafür in der Kälte verschwendeten.

Wir verschwanden dann auch schnell, da es niemanden wirklich interessierte und wir ja noch Kraft für die nächsten Tage Berlinale brauchen.

“Shkola nomer 3” – Eine Dokumentation über die Hoffnungen und Ängste von 13 Schülern einer Schule in der Ukraine. Wir hatten das Glück ein Interview mit dem Regisseur Georg Genoux zu bekommen und etwas über die Hintergründe und Geschichte des Films zu lernen:

Unser letzter Film kam aus Polen: “The Earlprince” ist von Goethes Gedicht “Der Erlkönig” inspiriert und mit fantastischen Bildeffekten auf eine ganz andere Art und Weise neu interpretiert.

Wir haben den Regisseur Kuba Czekaj und den Schauspieler Stanislaw Cywka interviewt. Außerdem findet ihr in unseren Critics heraus, wie viele Bären der Film von unserer Redaktion verliehen bekommt:

Gen Ende der Berlinale wird es aber doch nochmal spannend: Die Preisverleihungen stehen an und damit die Kür der Gewinnerfilme!

Sowohl die internationale Jury als auch die Jugendjury, die dann letztendlich den gläsernen Bären vergaben, haben dort ihre Favoriten-Filme gekürt. Doch bevor wir endlich herausfinden konnten, wer denn nun gewonnen hatte, mussten wir uns noch einen Schwall unnötiger Informationen à la “Es war einfach super: Wir hatten ein Sandwichmaker und ein Juicer” anhören (Checker Tobi). Auch Thomas Krüger von der Bundeszentrale für politische Bildung versuchte, das Publikum mit  Ausdrücken wie: Die Sektion Generation war “lit AF” (Vorschlag vom Sohn Fabi) für sich zu gewinnen. Checker Tobi, der smarte Moderator, versuchte prompt den Ausdruck für die internationalen Gäste auf englisch zu übersetzen (“really amazing”), fand dann aber doch relativ schnell heraus, dass es sich bei “lit AF” um einen englischen Ausdruck handelt. Der Ausdruck wurde im Laufe des abends immer wieder aufgegriffen, aber irgendwie fand ihn das Publikum beim 5ten Mal nicht mehr so witzig. Komisch. Schön waren auch die emotionalen Auftritte der größtenteils jungen Kurzfilmmacher, die ihr Glück kaum fassen konnten und ihre Rede alle mit “darauf war ich jetzt aber gar nicht vorbereitet” anfingen.

Kommen wir jetzt aber endlich zu den Preisen! Eine besondere Erwähnung von der Internationalen Jury hat der Kurzfilm Into the Blue und der Langfilm Ben Niao bekommen. Die Geldpreise gingen an den Kurzfilm The Jungle Knows You Better Than You Do  und den Langfilm Shkola Nomer 3.

Die Jugendjury entschied sich für den Kurzfilm Wolfe und den Langfilm Butterfly Kisses, die beide im Anschluss an die Preisverleihung gezeigt wurden. Die besonderen Erwähnung ging an den Kurzfilm Snip und den Langfilm Ceux qui font les révolutions à moitié n’ont fait que se creuser un tombeau.

Und der gläserne Bär geeeeeht an Butterfly Kisses vom Regisseur Rafael Kapelinski

Obwohl sich unsere Redaktion auch sehr gefreut hätte, wenn der Film Emo The Musical einen Preis gewonnen hätte, sind die Preise meiner Meinung nach berechtigt! Wolfe ist ein sehr berührender Kurzfilm, der zwar simpel, aber genau richtig gemacht ist und auch Butterfly Kisses ist ein fesselnder schwarz-weiß Film mit unglaublich schönen Aufnahmen.

Auch Kplus hatte seine Preisverleihung. Die Internationale Jury war so bewegt von den diesjährigen Kinderfilmen, dass sie glatt zwei Filmen den begehrten Geldpreis gab: Einmal für die koreanische Doku “Becoming who I was” von Chang-Yong Moon und für den spanischen Film “ESTIU 1993″ von Carla Simón. Die Kinderjury zeichnete mit den Gläsernen Bären den Kurzfilm “Promise” von Xie Tian und den Langfilm “PiataLod” von Iveta Grófová aus. Was wir davon halten?

Nach getaner Arbeit: Bei Kuchen und Filmschauen lässt die Bärenstark-Redaktion die Berlinale-Zeit ausklingen.

Damit verabschiedet sich die Bärenstark-Redaktion nun wieder in den DIGGA-Alltag. Uns hat die Berichterstattung von der Berlinale super viel Spaß gemacht und wir hoffen, wir konnten euch als unsere treuen Leser einerseits mitreißen und an unserer guten Laune teilhaben lassen und auf der anderen Seite auch informieren und euch einen Blick hinter die Kulissen des Filmfestivals geben.
Wir sagen tschüss und freuen uns schon auf’s nächste Jahr!



Kurzfilmspezial und Berlinale Shorts

Außerhalb der großen Spielfilme gibt es auf der Berlinale auch noch kleinere Filme, welche weniger Aufmerksamkeit bekommen, aber trotzdem genauso wichtig sind.

Wir reden hier von Kurzfilmen. Doch was genau ist das eigentlich? Und was macht sie gut?
Wir haben uns die Kurzfilme der Sektion Generation angeguckt und uns Tipps von den Filmemachern geholt. Außerdem haben wir uns weitere Experten zu Rate ziehen können, denn die Berlinale bietet den Kurzfilmen eine eigene Sektion: Die Berlinale Shorts.  Wir haben mit Maike Mia Höhne, der Kuratorin der Berlinale Shorts, und der Regisseurin des animierten Horror-Kurzfilmes „Call Of Cuteness“, Brenda Lien, über das Genre gesprochen.

Was ist der Unterschied zwischen Kurzfilm und Langfilm?

Wie man schon an dem Begriff hört, unterscheiden sich Kurzfilme von den Langfilmen hauptsächlich in ihrer Länge. Das macht Kurzfilme besonders, denn Kurzfilm-Regisseure müssen die Geschichte innerhalb weniger Minuten erzählen und daher andere Mittel verwenden, um die Botschaft zu vermitteln. Durch die Komposition von Bild, Ton und Dialog entstehen kleine Meisterwerke. Um diesen eine Bühne zu geben, gibt es bei der Berlinale die „Berlinale Shorts”, bei denen verschiedene Kurzfilme gezeigt werden, die im Kampf um den Goldenen Bären antreten.

Die 45-Jährige Maike Mia Höhne ist seit 2007 die Kuratorin der Berlinale Shorts.
Wir haben sie bei sommerlichen Temperaturen in der Nähe des Potsdamer Platzes getroffen und ihr alle unsere Fragen rund um Kurzfilme gestellt:

Brenda Lien ist mit ihrem Kurzfilm „Call Of Cuteness“, einem verstörenden Animations-Horrorfilm mit Katzen, im Rennen um den Goldenen Bären der Berlinale Shorts. Wie sie auf diese Idee gekommen ist und was sie damit aussagen will, erzählt sie uns im Interview:

Unsere Bärenstark-Reporterin Milena wollte noch tiefer in die Welt der Kurzfilme eintauchen und hat sich die Kurzfilme von Kplus angesehen. Ihr Fazit: Kurzfilme müssen wir uns selbst erklären und wie bei Kurzgeschichten zwischen den Zeilen lesen.

Zusammen mit Lena hat sie sich mal selbst in dem Genre ausgetobt und dabei die Kernaussagen der Kurzfilme auf den Arm genommen.
“Wir wollten einen Kurzfilm machen, der vorgibt eine Aussage zu haben, aber keine hat. Genauso, wie es uns beim betrachten einiger Kurzfilme geht. Wir suchen verzweifelt Aussagen, finden sie aber nicht, weil sie so eigen sind. So verstörend. Deswegen haben wir einen verstörenden Kurzfilm gemacht.”

Den nicht ganz ernst zu nehmenden Kurzfilm “Abstraktion” könnt ihr nun ganz exklusiv hier anschauen: