Pia-Marie

Pia-Marie



Rape Culture und Slut Shaming – was bedeutet die Reform des Sexualstrafegesetzes?

Die Verschärfung des Sexualstrafgesetzes – „Nein heißt Nein!“ – aber woher die Erkenntnis?

“Fick dich, du Schlampe!“ – Alltäglich in der U-Bahn, auf dem Schulhof, überall. Das Wort „Bitch“ kommt uns heute viel schneller über die Lippen, in den verschiedensten Zusammenhängen. In unserer Rape Culture ist es fast normal, dass Frauen aufgrund ihres Auftretens bei sexuellen Übergriffen erst einmal verdächtigt werden, den Angriff selbst provoziert zu haben. Diesem gesellschaftlichen Phänomen möchte die Bundesregierung mit der Verabschiedung einer Gesetzesreform entgegenwirken: Ein neues Sexualstrafrecht ist am 7.Juli im Bundestag verabschiedet worden. Aber was soll sich in Zukunft verbessern und warum ist sexuelle Selbstbestimmung im Jahr 2016 überhaupt noch ein Thema?

„Abgegebene Stimmen: 601 – Mit „Ja“ haben gestimmt: 601.“ Als Claudia Roth, Vizepräsidentin des deutschen Bundestages, das Ergebnis der Gesetzesabstimmung im Bundestag verliest, schlägt ihr lauter Jubel entgegen. Die Abgeordneten klatschen, mansche stehen von ihren Sitzen auf.                                                                                 Es ist mittlerweile fast zwanzig Jahre her, dass im Jahr 1997 die Vergewaltigung in der Ehe strafbar gemacht wurde. Es scheint so, als habe man erst nach den Ereignissen in der Silvesternacht, in der es in mehreren Städten Deutschlands zu massenhaft sexuellen Übergriffen an Frauen gekommen ist, in der Bundesrepublik erneut Handlungsbedarf festgestellt.

Grapschen das Handwerk legen

Nur ganz kurz mal an die Oberweite fassen, einen kleinen Klaps auf den Po, die Hand langsam unterm Rock am Oberschenkel entlang gleiten lassen – vorher hatte Frau (das Opfer in den meisten Fällen) keinen gesetzlichen Rahmen, der solche Übergriffe unter Strafe stellt. Paragraph 177 (StGB) sah bisher für sexuelle Nötigung und Vergewaltigung folgendes vor: Nur wer eine andere Person mit Gewalt, Androhung von Gewalt und/ oder Ausnutzen von Schutzlosigkeit dazu nötigt, sexuelle Handlungen zu vollziehen, besonders wenn diese erniedrigend und ein mit dem Eindringen in den Körper verbunden sind, kann bestraft werden.

Aber warum muss es überhaupt zu Gewalt bei sexuellen Übergriffen kommen, damit ein Täter belangt werden kann – warum ist mit einem einfachen „Nein!“ von Seiten des Opfers genug um sein Recht auf körperliche Unversehrtheit geltend zu machen? „Nein heißt Nein!“ – das hat der Bundestag jetzt in seiner Gesetzesreform festgesetzt.

"Nein heißt Nein!", jetzt auch im Strafgesetzbuch.

“Nein heißt Nein!”, jetzt auch im Strafgesetzbuch.

Der Fall Lohfink – medienwirksamer Anstoß einer lägst überfälligen Debatte

Man mag von dem Reality-TV-Sternchen, das durch Germanys Next Topmodel bekannt geworden ist und jetzt durch die Trash-Formate der privaten Fernsehlandschaft tingelt, halten was man möchte – sie ist ein Paradebeispiel dafür, was viele Frauen erleben müssen wenn sie eine Vergewaltigung oder einen sexuellen Übergriff anzeigen. Sie werden von Opfern zu Tätern gemacht. Erst einmal steht der Verdacht einer falschen Beschuldigung im Raum – eine Vergewaltigung findet meist zwischen zwei Menschen und ohne Zeugen statt. Bei einer Anzeige steht Aussage gegen Aussage. Im Fall Lohfink existiert ein Vergewaltigungsvideo, das zeigt, wie zwei Männer Geschlechtsverkehr mit Gina-Lisa haben – die wirkt dabei teilweise wie betäubt, viel Alkohol war an diesem Abend im Spiel. Mehrmals sagt sie „Hör auf!“, doch die Männer, die sie im VIP-bereich eines Berliner Clubs kennengelernt hatte, machen weiter. Das Video verbreiten sie im Internet und bieten es Redaktionen an. Das war im Jahr 2012 – vier Jahre später ist der Fall immer noch nicht eindeutig aufgeklärt. Denn die Richter glauben Gina-Lisa nicht – die Täter wurden zwar für die Aufnahme und Verbreitung des Sex-Videos bestraft, aber auch sie muss 24000 Euro für ihre vermeintlich falschen Vergewaltigungsanschuldigungen zahlen.

Durch den Fall von Gina-Lisa Lohfink hat sich eine Bewegung gebildet: Das „Team Gina-Lisa“, wie sich ihre feministischen Anhänger nennen, kämpft für die Anerkennung ihrer Vergewaltigung stellvertretend für die Schicksale vieler missbrauchter Frauen. “Slut Shaming” greift Frauen für ihr sexuelles Verhalten an und redet ihnen Schuldgefühle für eine ausgeprägtes Ausleben ihrer Sexualität ein. Genau das, so lautet der Vorwurf, geschieht auch im Fall Gina-Lisa: eine Vorverurteilung ihrer Person auf Grund ihres Images als freizügiges Sexsymbol, die ihre Glaubwürdigkeit in Frage stellt. Kommentare wie „die wollte es doch nicht anders, der hat es doch gefallen“ oder „selbst schuld wenn sie so rumläuft!“ muss sich Gina-Lisa gefallen lassen. „Nein heißt Nein!“, das fordern auch sie und ihre Unterstützer – denn wenn Frau oder Mann ganz einfach nicht angefasst werden möchte, egal wie aufreizend und einladend er oder sie sich kleidet, habe ein Täter das zu akzeptieren! Slut Shaming, meist auf Frauen bezogen, ist ein gesellschaftliches Phänomen das eng mit der Feminismus- und Sexismusdebatte verbunden ist. Nur weil sich eine Frau gern in einem knappen Rock präsentiert ist das noch lange keine Aufforderung zum Angrapschen. Aber woran liegt es dass sie gleich als „Schlampe“ bezeichnet wird? Sind wir wirklich so unreif?

Natürlich gehören auch Männer zu den Opfer sexueller Gewalt, in 99% der Fälle sind sie aber die Täter. Nur 5% der Sexualstraftaten werden angezeigt, und in 100 angezeigten Vergewaltigungen enden bloß 13 mit einer Verurteilung. (Quelle: Sexuelle-Gewalt-in-Deutschland.pdf)

Frauen gehören weitaus häufiger zu den Opfern als Männer.

Frauen gehören weitaus häufiger zu den Opfern als Männer.

Besonders die sexuellen Übergriffe in der letzten Silvesternacht haben hohe Wellen geschlagen: massenhaft sexuelle Angriffe auf Frauen und eine prekäre Sicherheitslage haben noch lange danach die Nachrichten bestimmt. Besonders brisant und medienwirksam: die meisten Täter kamen aus Nordafrika und waren als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Der Grundsatz „Nein heißt Nein“ soll nun auch in das Aufenthaltsgesetz übernommen werden; im März war das Ausweisungsrecht bereits verschärft worden, sodass straffällig gewordene Ausländer ohne Asylrecht schneller ausgewiesen werden konnten.  Dies schloss auch damals schon sexuelle Straftaten mit ein, allerdings nur gemäß des alten Paragrafen 177, der bei einer sexuelle Straftat mit “Gewalt, Drohung, Gefahr für Leib und Leben oder List” (https://www.neues-deutschland.de/artikel/1017631.sexualstrafrecht-linke-wirft-koalition-perfide-taktik-vor.html) voraussetzte, um sie als Ausweisungsgrund anzuerkennen. Die Bundesregierung weißt in der aktuellen Gesetzesänderung darauf hin, dass in Zukunft Sexualstraftaten „auch mit den Mitteln des Ausländerrechts zu ahnden“ seien – davon war in früheren Debatten allerdings nie die Rede.

Nutzt die Bundesregierung den aktuellen Medienrummel um Gina-Lisa und die Silvesternacht in Köln, um die Aufenthaltsrechte unter dem Deckmantel des Sexualstrafgesetzes zu verschärfen? Der Bedarf an einer Verschärfung des Strafrechts besteht schon lange, dass die Änderung gerade jetzt beschlossen wird, könnte die Kritiker bestätigen und das populistische Bild von Ausländern als Gruppe potentieller Sexualstraftäter unterstützen. Im Interview mit Frau Dr. Eva Högl, stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, erklärt die Politikerin die Reform aus ihrer Sicht und geht dabei auch auf Kritikerstimmen ein.

 

Gina-Lisa Lohfink jedenfalls kämpft weiter. Sie will und kann sich ihr Urteil nicht gefallen lassen. Fest steht schon jetzt: sie wird in ihrem Kampf gegen die Justiz nicht alleine sein. Sie hat mit ihrer Geschichte eine wertvolle gesellschaftliche Debatte angestoßen und das öffentliche Bewusstsein auf ein Thema gelenkt über das besonders im deutschen Bundestag lange geschwiegen wurde. „Nein heißt Nein!“ ist mehr als eine feministische Forderung – es ist ein Schlachtruf im Kampf gegen Übergriffe und Alltagssexismus geworden.



Homo, Hetero, Trans – egal, hauptsache bunt!

Am letzten Wochenende haben Laura, Béla, Bent und ich das lesbisch schwule Stadtfest am Nollendorfplatz besucht und sind auf skurrile Projekte und Charaktere gestoßen.

“Gleiche Rechte für Ungleiche!” – damit wirbt der Regenbogenfonds e.V. für das lesbisch schwule Straßenfest, das in diesem Jahr bereits zum 24.Mal am Nollendorfplatz gefeiert wird. Motz-, Eisenacher-, Fugger- und Kalkreutherstraße erstrahlen dabei traditionell in den Farben des Regenbogens und werden zur Spielwiese für schrille und weniger schrille Angehörige der LGBT-Community. Ob Lesbisch, schwul, trans, queer, asexuell oder hetero, auf diesem Stadtfest werden jegliche Sexualitäten gefeiert. “Pride” wird hier großgeschrieben – auch wenn ebenfalls daran erinnert wird, wie viel Aufklärungsbedarf noch in der Gesellschaft besteht.

So will Youtuber Igor K auf eine besondere Art für sein Anliegen werben. In der einen Hand seine Videokamera, trägt er in der anderen ein bedrucktes Schild durch die Menge: Er kritisiert den rauen Umgangston innerhalb der LGBT-Community und freut sich über das Neugierde der Besucher an seiner Aktion.

hdr

Igor K macht mit seiner provokanten Aktion auf sich aufmerksam.

hdr

Der Youtuber genießt das Interesse der Besucher.

 

 

 

 

 

 

 

 

In Israel sei das anders, erfahren wir an dem Stand, der über die Situation von queeren Menschen vor Ort aufklärt. Entgegen vieler Vorurteile gehe man dort offen mit verschiedenen sexuellen Orientierungen um, die LGBT-Commutity werde gestärkt und unterstützt. Wie sieht die Situation in Deutschland im Vergleich zu Israel aus?

Der Mann trägt ein T-shirt mit der Aufschrift “I love Israel” in Regenbogenfarben – in Israel sei die Situation der LGBT-Community viel besser als in Deutschland, auch wenn man das von Israel nicht unbedingt glaube, sagt er. Dort habe man im Gegensatz zu Deutschland die Homo-Ehe legalisiert – Tel Aviv sei die Hauptstadt der Homosexuellen. In Israel könne man auf der Straße Händchen halten und seinen Partner küssen, ohne dass jemand etwas dagegen habe. Er sehe das Problem in Deutschland bei Angela Merkel, die bereits vor Antritt ihrer Kanzlerschaft festgesetzt habe, dass die Homo-Ehe nicht durchgesetzt werde. Er lebe schon seit zwei Jahren in Berlin und sei noch keinem Homophoben begegnet. Alle seien sehr freundlich und zugewandt – eigentlich sei das in Deutschland und Israel gleich, nur die deutsche Politik mache den Unterschied. Mit seiner Präsenz auf dem Straßenfest wolle er die LGBT-Freundlichkeit Israels zeigen und auf die Angebote für Homosexuelle in Israel aufmerksam machen. Denn in seinem Land respektiere man jeden, unabhängig von sexueller Präferenz oder Status.

Einige Meter weiter die Straße entlang treffen wir auf eine besonders auffällige Gestalt: Es ist ein Mann mit  weißer Farbe und viel Glitzer im Gesicht, ein langer Schleier bedeckt seinen Rücken. Er sei eine “Schwester der perpetuellen Indulgenz” und gehöre einem besonderen Orden an, der Hilfe und Unterstützung für queere Menschen anbiete.

Aber nicht nur die Nonne fällt mit ihrer Extravaganz auf, zwischen Männern nur in Shorts bekleidet oder in Lack und Leder an den Festischständen, dreht Dolores ihre Runden. Sie ist als Amy Winehouse verkleidet und sticht Laura mit ihrer schrillen Verkleidung sofort ins Auge:

Apropos Fetisch: Wie viel BDSM steckt in dir? Laura hat einen ganz besonderen Selbsttest gemacht und herausgefunden, wie sehr sie zu Lack, Leder und Peitsche tendiert. BDSM steht für mehrere Begriffe, wie zum Beisiel Bondage, Discipline, Sadism and Masochism (Knechtschaft, Disziplin, Sadismus und Masochismus) Erlaubt ist beim BDSM-Sex so ziemlich alles – aber nur solange sich die Beteiligten wohl dabei fühlen!

Bei dem Begriff “Museum” denken wir eher an langweilige Schulausflüge oder verregnete Sonntagnachmittage zwischen alten Tonscherben und Geschichtsbüchern. Allerdings wird auf dem schwul lesbischen Straßenfest auch eine ganz andere Art des Museums vorgestellt: Das erste und einzige Schwulenmuseum Deutschlands. Was es damit auf sich hat und was den Besuchern dort geboten wird – Bent fragt einmal nach:

Neben Spaß, exotischem Essen und Musik wird beim schwul lesbischen Straßenfest großen Wert auf politische Aufklärung gelegt. Mehrere demokratische Parteien sind im politischen Eck vertreten und stellen ihre Unterstützung der queer-Community vor. So auch die Lesben und Schwulen in der Union, die die Themen Homosexualität und Gleichberechtigung innerhalb der CDU/CSU voranbringen wollen.

Auch der Koalitionspartner SPD ist auf dem schwul lesbischen Straßenfest präsent. Die Schwusos seien die erste schwul lesbische parteipolitische Gruppierung und kämpften auch heute noch für die Homo-Ehe und die Anerkennung der LGBT-Community in der Politik.

Unter dem Regenbogen sind wir alle gleich, von hinten sowieso  – die Message des lesbisch schwulen Straßenfestes ist klar: die sexuelle Orientierung eines Menschen sollte endlich zur Nebensache, das Tabuthema Sexualität aber trotzdem offen angesprochen werden. Bis dahin mag es vielleicht noch ein langer Weg sein, aber Veranstaltungen wie dieses Straßenfest leisten einen wertvollen Beitrag für gesellschaftliche Akzeptanz und Aufklärung und gegen Diskriminierung und Stigmatisierung. Die LGBT-Community ist uns nicht mehr fremd und sie rückt mehr und mehr in die Mitte unserer Gesellschaft.

Auch im letzten Jahr hat sich die DIGGA-Redaktion mit queeren Lebensformen beschäftigt, ein Besuch bei der Webreportage “Oh, du bist hetero?!” lohnt sich:

http://digga.alex-berlin.de/oh-du-bist-du-hetero-webreportage/

 

 



Auf der Suche nach Heimat – Randbegegnungen in Berlin

Berlin ist bunt, aufregend und vor allem eins: Vielseitig. Die unterschiedlichen Charaktere sind es, die unsere Hauptstadt ausmachen. Aber was ist mit den Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen; Menschen, an denen wir oft vorbeigehen, ohne sie anzusehen: Flaschensammler, Künstler und Obdachlose.

Bahnhof Zoo

DSC03994DSC03985                                                                                                         

An der Hinterseite des Bahnhofsgebäudes verläuft die Jebensstraße – hier wird gerade ein Film gedreht: mobiles Catering, Maske und Schauspieler ziehen neugierige Blicke auf sich. Eigentlich ist dieser Ort ein Anlaufpunkt für Obdachlose, Hilfsbedürftige und Junkies. Hier bietet die Bahnhofsmission ihre Hilfe an, am Ende der Straße steht ein Automat an dem sich Drogensüchtige kostenlos Spritzbesteck ziehen können. Unter der Brücke haben Obdachlose ihre Schlafplätze eingerichtet, es ist laut, dreckig und ungemütlich. Hier treffe ich Cheyenne, ihre Haare hat sie sich an den Seiten abrasiert und ein paar Fuchsschwänze in ihren dünnen Pferdeschwanz gesteckt. Sie wirkt selbstbewusst und bestimmt wenn sie aus ihrem Leben erzählt. Cheyenne hat einen kleinen Hund dabei, “Kochanie” heißt er, weil das auf Polnisch „Liebling“ bedeute. Für sie ist ihr Leben am Bahnhof Zoo längst zum Alltag geworden, mit der Obdachlosigkeit hat sie ihre Familie gefunden.

 

 

Während des Gesprächs mit Cheyenne beobachtet uns ein junger Mann mit einer schwarzer Kappe aus der Ferne. Er spricht mich an, sagt, er habe ein Problem und würde gerne über seine Situation sprechen. Er heißt Ismail und ist seit vier Monaten obdachlos. Seine beiden kleinen Kinder habe ihm das Jugendamt weggenommen. Wenn er sie besuche, verspreche er ihnen immer „Papa macht die Wohnung fertig“, doch in Wahrheit wisse er nicht, wie es für ihn und seine kleine Familie weitergehen soll. Wenn er davon erzählt, wie sehr er sein altes Leben vermisse, werden seine Augen feucht, er bemüht sich, stark zu bleiben. Besonders wichtig sei ihm, nicht mit den Junkies gleichgesetzt zu werden.

Obdachlose bleiben meist unbeachtet – dass es so gut wie keine aktuelle Statistiken über sie gibt zeigt, dass sie im Schatten der Gesellschaft verschwinden. Jahr 2014 lebten rund 24000 Menschen in der gesamten Bundesrepublik auf der Straße, davon 11000 allein in Berlin. 15 Obdachlose sind im Winter 2013/2014 erfroren. (Quelle: http://unbeachtet.org/zahlen-obdachlosigkeit-in-deutschland/)

 

Alexanderplatz                                                                                              

Am Nachmittag ist auf dem Alexanderplatz besonders viel los, die perfekte Zeit für Straßenkünstler, um ihre Arbeit zu präsentieren. Ich treffe die Italienerin Laura, sie hockt auf dem Boden, ihre Hände sind bunt von der Kreide, mit der sie gerade ein riesiges Portrait auf den Boden malt. An den Seiten hat sie einige Körbchen für Spendengeld aufgestellt, schließlich müsse sie ihre Utensilien finanzieren können. Das Wort „Danke“ steht in verschiedenen Sprachen daneben geschrieben – als eine Schulklasse vorbeikommt, ergänzen kurzerhand einige Schüler die Vokabelliste. Laura lacht, sie freut sich über das Interesse an ihrem Bild.                                                                            

DSC03975

Laura aus Italien bringt ihre Kunst zum Berliner Alexanderplatz

Laura habe schon als 17-jährige mit der Straßenmalerei angefangen, daher komme auch der Mut dazu. Damals sei sie noch ein Kind gewesen, das Malen vor vielen Menschen für sie ein Spiel. Die Reaktionen der Menschen fielen unterschiedlich aus, aber meistens seien die Passanten freundlich und zugewandt. In Italien habe Laura auf die University of Fine Art studiert und dort das Zeichnen gelernt. Für sie sei aber der beste Weg zu lernen, einfach das zu machen, was ihr gefalle. Kunst bedeute für sie Kommunikation, die Projektion jeglicher Art von Gefühlen, sei es Traurigkeit oder Glück, in ein Bild. In ihrem aktuellen Werk folge sie einfach ihrer künstlerischen Freiheit. Die Zwanglosigkeit der Kunst in Berlin habe sie in die Hauptstadt gebracht. Hier könne sie malen was sie wolle – in Italien sei das anders. In ihrer Heimat Florenz konzentriere man sich mehr auf den Renaissance Stil und Maler wie Michelangelo. Den möge sie zwar auch aber in Berlin könne sie mehr experimentieren als in Italien. Um dieses Portrait zu malen habe sie ein paar Stunden gebraucht, könne aber auch zwei bis vier Tage an einem größeren Werk arbeiten.                                                                                                                                                                                        

Am anderen Ende vom Alex fällt mir ein Mann auf, der die Mülleimer nach Flaschen durchsucht. Er hat eine große Tüte bei sich und ist etwas skeptisch als ich ihn um ein Interview bitte. Er möchte, dass ich ihn „Günter“ nenne, seinen richtigen Namen verrät er lieber nicht. Günter ist Grieche und  musste seine Arbeit wegen gesundheitlichen Problemen aufgeben. Hier in Deutschland sei er zwar obdachlos, könne aber vom Flaschensammeln leben. Sein Arzt sage, das viele Laufen sei gut für seinen Rücken und deshalb möchte er auch noch einige Zeit weitersammeln. Betteln komme für ihn auf keinen Fall infrage, viel lieber hätte er wieder eine Arbeit.

 

Friedrichstraße 

Später Nachmittag, der Himmel ist bewölkt und es regnet ein wenig. Ein junger Mann steht mit Mikrophon, Gitarre und Verstärker vor dem Eingang eines Kaufhauses und eine Menschentraube drängelt sich um ihn herum. Vor ihm steht sein offener Gitarrenkasten und ein Pappschild mit seinem Namen: „Alex Wardi“ heißt eigentlich Craig Weir, aber das könne in Deutschland ja niemand aussprechen. Er wechselt sich zusammen mit seinem Kumpel Andrew ab, beide begeistern die Zuschauer mit ihren außergewöhnlichen Stimmen. Gerade hat Alexi für ihn und sich zwei Flachen Bier besorgt, etwas, das er auch an Berlin schätze.

Alexi sei im letzten September nach Berlin gekommen um einen Job zu finden, habe aber schnell lernen müssen dass sich das ohne Deutschkenntnisse ziemlich schwierig gestalte. Einige seiner Freunde seien schon damals Straßenmusiker gewesen und als er im Januar kein Geld mehr für die Miete habe aufbringen können, habe er selbst damit angefangen, um nicht wieder zurück nach Schottland zu müssen. Schottland sei sein ganzes Leben lang sein zu Hause gewesen, sei ihm aber nach 24 Jahren zu langweilig geworden. Das Gefühl vor so vielen Menschen zu spielen, sei von Tag zu Tag verschieden und schwer, mit etwas anderem zu vergleichen. Wenn viele Leute zuschauen und die Musik mögen, sei es ein unvergleichlich schönes Gefühl; wie eine Verbindung, stärker als sie durch ein bloßes Gespräch entstehen könne. Es gebe aber auch Tage, an denen er glaube gut zu spielen, aber die Menschen einfach vorbeigingen. Alexi spiele oft auf dem Alexanderplatz und manchmal zeigten ihm die Leute im Vorbeigehen einen Daumen nach oben oder machten ihm Komplimente für seine Stimme. Manchmal kämen aber auch Zuschauer auf ihn zu und machten ein Foto mit ihm. Dann fühle er sich besonders geehrt; vor ein paar Tagen sei er sogar eingeladen worden, auf einer Hochzeit zu spielen. Vor einem Auftritt sei er immer sehr nervös, aber da er schon mit 18 Jahren angefangen hat, Musik auf dem College zu studieren, habe er sich daran gewöhnten können. Für die der Zukunft plane er in Berlin zu bleiben, das sei seine neue Heimat. Einen normalen Job habe er nie gewollt, er möchte lieber weiter Musik machen, aufstehen wann er will und Bier trinken. An Berlin möge er besonders die Menschen und die vielen Kulturen. Jeder sei außergewöhnlich freundlich zu ihm gewesen, sogar die Obdachlosen seien netter als in Schottland. Die meisten jungen Deutschen würden sowieso gut Englisch sprechen, ansonsten gebe es hier viele andere Ausländer. Sein größer Wunsch für die Zukunft sei dass Schottland ein Teil der Europäischen Union bleibe damit er kein Arbeitsvisum brauche, sagt er und lacht. Persönlich möchte er einfach weiter Musik auf den Straßen und auf Events machen und vielleicht einen Job finden – das Wetter mache es ihm manchmal schwer auf der Straße zu spielen. „Einfach so lange wie möglich Musiker und sorgenlos bleiben!“

 

Unter den Linden   

Direkt gegenüber der Vertretung der Europäischen Union macht sich am frühen Abend eine Gruppe schwarz gekleideter Menschen auf einen Protest vor. Sie haben ein Banner mit der Aufschrift „Stop breaking the law in Poland“ dabei und kleben sich gegenseitig mit schwarzen Tape die Münder zu. Einer von ihnen verteilt Flugblätter an die neugierigen Passanten. Nach einiger Zeit reißen alle ihre Klebestreifen ab und eine Frau liest ihre Protestforderungen auf Polnisch und Deutsch vor. Ein Sprechchor ruft nach jeder einzelnen laut „Demokracja!“. Die vorbeigehenden Passanten werfen merkwürdige zweifelnde Blicke auf die Menge, manchmal bleiben ein paar Touristen stehen und machen Fotos. Worum es bei dem Prostest geht, interessiert sie eher nicht.

 

Pariser Platz

Einige hundert Meter von den Demonstranten entfernt, ist ein weiterer Flaschensammler unterwegs, deutlich älter als Günter. Der etwa Ende 60 jährige Rentner möchte nicht erkannt werden; es sei ein mieses Gefühl Flaschen zu sammeln, sagt er. Obwohl er eine Wohnung hat und Rente bekomme, suche er nach weggeworfenem Pfand um sich auch mal etwas Besonderes kaufen zu können – dafür reiche seine Rente nicht aus.

Auch Flaschensammler gehören zu einer gesellschaftlichen Randgruppe. Damit werden sie als “Menschen, die in eine Gesellschaft nur unvollständig integriert sind” definiert – zumindest im Duden. Dabei kann nicht einmal von einer Minderheit gesprochen werden; immer mehr Menschen verdienen sich durch weggeworfenes Pfand etwas Geld dazu oder leben davon. Aber Integration kann nicht gelingen, wenn der Zugang zur Gesellschaft verwehrt wird. Vorurteile, Stigmatisierung und vor allem Wegschauen drängen Menschen aus der öffentlichen Wahrnehmung. Die soziale Ungleichheit – die auseinandergehende Schere zwischen arm und reich- tragen zur Marginalisierung der gesellschaftlichen Randgruppen bei.

Das Thema “Heimat” zieht sich wie ein roter Faden durch die Interviews: Berlin bietet den unterschiedlichsten Menschen in den verschiedensten Lebenssituationen ein zu Hause. Cheyenne hat ihres unter der Brücke am Bahnhof Zoo gefunden, Ismail will sich seins zusammen seinen Kindern aufbauen. Alexi liebt die Menschen in Berlin und Laura kann ihre künstlerische Freiheit hier ausleben. Die Demonstranten am Brandenburger Tor vereinen ihre Heimat Polen und ihr zu Hause Berlin und zeigen so ihre Verbundenheit mit beiden Orten.

Berlin hat viel zu bieten, wenn man einmal genauer hinsieht. Menschen, die auf den ersten Blick nicht sichtbar sind, haben Geschichten zu erzählen, für die es sich lohnt hinzuhören. Diesen Menschen eine Stimme zu geben sollte unser Anliegen sein.



DIGGA auf der YOU 2016 – der dritte Messetag

Die YOU 2016 geht in die letzte Runde, und auch wir machen uns noch einmal gemeinsam mit der Redaktion von Jup! am Alex-Stand bereit. Denn auch heute wollen wir spannende Interviews führen, Aktionen ausprobieren und für euch berichten.

Am heutigen Sonntag steht für uns das Thema Sport im Vordergrund, denn an Aktivitäten hat die YOU einiges zu bieten. Wir treffen Basketballspieler, sprechen mit dem Präsidenten des Berliner Boxverbandes und setzen uns mit Inklusion im Sport auseinander. Besonders gut kommt aber das Lasergame bei uns an – eine Art Lasertag unter freiem Himmel. Bei unserem Wettbewerb im improvisierten escooter-Parkour zeigen uns zwei Experten sogar eine ganz neue Sportart.

All das konntet ihr live in unserem Stream mitverfolgen, der euch noch einmal zum Nachschauen zur Verfügung steht.

Für viele Besucher stand am heutigen Tag weniger das Thema Sport, sondern die YouTube-Area im Vordergrund. Einmal den Star aus dem Internet aus der Nähe sehen, ein Autogramm bekommen und vielleicht ein Foto machen – dafür bezahlen viele Jugendliche rund 20 Euro zusätzlich für ihren Eintritt. Wir haben in der Youtube-Halle mit Fans über ihre Idole gesprochen.

Das war’s mit unserer Berichterstattung von der YOU 2016 in Kooperation mit Jup! Berlin. Wir hatten viel Spaß beim Drehen, moderieren und interviewen – wir hoffen, wir konnten euch neugierig auf das nächste Jahr machen!

Euer DIGGA-Team!



DIGGA auf der YOU 2016 – der erste Messetag

Lifestyle, Jugendkultur und Spaß – Die YOU ist eine Spielwiese für Teenager und Jugendliche. Die Messe bietet neben Musik, Sport und Lifestyle auch ein breites Angebot zur Berufsvorbereitung. Der heutige Freitag, der Messeauftakt, und wird als “Schülertag“ beworben. Man könnte also annehmen, dass die Segmente Bildung, Karriere und Zukunft bei den Besuchern im Vordergrund stehen. Aber wie wollen die Schüler ihren Tag auf der YOU wirklich gestalten und welchen Einfluss haben ihre Lehrer dabei?

Alex ist zusammen mit seiner Klasse zur YOU gekommen und hat für seinen Besuch einen etwas weiteren Weg zurückgelegt.

 

Besucherin Ronja findet es schade, dass der Eintritt für die YouTube-Area extra berechnet wird. Die Tanz-Workshops haben ihr aber besonders gut gefallen.

 

Marcel allerdings freut sich schon darauf, wenn endlich wieder zurück nach Hause fahren kann. Er findet sich auf der YOU nicht zurecht und kann sich für keines der Angebote so richtig begeistern.

 

Lifestylemesse statt Museum – am Schülertag wird Klassenzimmer gegen Veranstaltungsgelände eingetauscht. Aber was macht ein Besuch auf der YOU zu einer guten Exkursion? Der Lehrer einer 9.Klasse erklärt, warum er gerade das Berufsbildungsangebot sinnvoll findet.

 

Verbrechensbekämpfung in den Messehallen – die Polizei Berlin ist mit einem Stand auf der YOU vertreten. Hier können sich die Besucher von einem Beamten “umlegen” oder die eingeschränkte Sehfähigkeit im alkoholisierten Zustand demonstrieren lassen. Daneben können sich Jugendlich über einen Berufseinstieg bei der Polizei  informieren.

Zu aktuellen Geschehnissen durften wir die Polizei aber nicht befragen.

 

Britta von der PETA-Jugendkampagne “PETA ZWEI” erzählt was es mit ihrem Stand auf sich hat: Hier kann man zum Beispiel eine Petition gegen den Verkauf von Tieren unterschreiben.

 

Jessica ist zwar auch mit ihrer Klasse auf der YOU, interessiert sich aber im Moment eher für den Swimmingpool im Sommergarten. Bei dem warmen Wetter ist es die perfekte Erholung von der warmen Hallenluft.

 

Im Außenbereich der YOU hat es sich Charmaine bequem gemacht – sie sticht mit ihrer knalligen Haarfarbe und dem starkem Make-up besonders heraus. Die YOU besucht sie, um einen speziellen Stand über Mangas zu sehen.

 

Aber nicht nur für Manga-Liebhaber, sondern besonders für YouTube-Fans ist die diesjährige YOU eine gute Anlaufstelle. Zwar wird für den Eintritt in den YouTube-Bereich ein Preisaufschlag berechnet, aber einzelne Stars kann man auch in den anderen Hallen begegnen. So wie zum Beispiel Maxim aus Neuss, der auf YouTube mit seiner Musik unter dem Namen “MaximNoise” bekannt geworden ist. Er wird zwar auch auf einer YouTube-Veranstaltung zu Gast sein, möchte aber nicht, dass seine Fans ausrasten und kreischen, wenn sie ihn sehen.

 

Hier kommt ihr zu unserem Beitrag, den Laura, Janusch und ich in Zusammenarbeit mit Kai, Niels, Hannah und Olivia von Jup! Berlin produziert haben:

Schaut auch in den nächsten beiden Tagen auf unsere Seite vorbei, um aktuelle Informationen und Beiträge von der YOU zu bekommen.

Plant ihr auch die YOU zu besuchen? Kommt beim Alex-Messestand in Halle 22a (Standnummer 147), wir freuen uns!