ILA 2016

Dieses Jahr fand wieder die Internationale Luftaustellung statt. Die Internationale Luft- und Raumfahrtausstellung ILA Berlin Air Show gilt als älteste Luftfahrtmesse der Welt. Die Berlin Air Show präsentiert Spitzentechnologie aus allen Geschäftsfeldern der internationalen Luftfahrtindustrie. Zu den ausgestellten Highlights zählen Großraumjets führender Flugzeughersteller, Turbinen, Helikopter, Kampfjets sowie Militärtransporter. Rund 50.000 Quadratmeter Hallen, 100.000 Quadratmeter Freigeländefläche für die Präsentation der Fluggeräte sowie 100.000 Quadratmeter für die Zuschauer. Die ILA findet alle 2 Jahre statt von 1.6 bis zum 4.6.



Meine Flucht

Hallo mein Name ist Reza (17 Jahre) und ich komme aus Ghazni in Afghanistan.

Mein Vater war Mullah Imam in einer Moschee. Er hatte Probleme mit den Taliban, weil meine Familie schiitisch ist. Sie sagten zu ihm, dass sie ihn umbringen würden. Wir waren geschockt. Mein Vater hat dann gesagt, dass wir unsere Heimat verlassen müssen, weil wir hier nicht mehr sicher sind.

Er hatte Schlepperbanden bezahlt die uns nach Europa bringen sollten. Also waren wir gezwungen zur Grenze zu gehen, um unser Land zu verlassen. Es war Nacht, als wir über die Grenze gehen wollten. An der Grenze waren die anderen Leute, die auch bezahlt hatten. Doch als wir die Grenze überqueren wollten, haben die Polizisten uns entdeckt und mit ihren Gewehren in die Luft geschossen. Alle haben Angst bekommen und sind in verschiedene Richtungen gerannt. Da habe ich meine Familie verloren.

Ich bin über die Grenze gegangen und habe auf der anderen Seite die Autos der Schlepper gesehen. Jemand hat zu mir gesagt, ich soll schnell einsteigen und sie haben mich mitgenommen. In einem kleinen Dorf bin ich ausgestiegen und habe zwei Tage bei fremden Leuten in einem Haus übernachtet. Mit einem Taxi bin ich dann in eine große Stadt gefahren. Von da aus immer weiter mit Bus, Schiff, Auto, Zug und zu Fuß. Geschlafen habe ich in Kellern und manchmal bei Leuten im Haus. Die Leute haben mich versteckt, damit mich die Polizei nicht findet. Ich hatte viel Angst und Stress, auch mit Gewalt hatte ich zu tun.

Ich war drei Monate unterwegs, bis ich dann in Berlin angekommen bin. Ich wusste nicht, wohin ich gehen sollte. In einer Straße bin ich zwei Leuten begegnet, die meine Sprache gesprochen haben. Ich fragte sie, was ich machen soll und wohin ich gehen soll. Sie haben mich zur Polizei gebracht. Von der Polizei wurde ich dann zu einem Heim gefahren. Drei Monate habe ich dort gelebt, dann ist ein Betreuer gekommen und hat mich in eine Wohnung gebracht. Ich habe erst mal einen Deutschkurs besucht. Nach drei Monaten habe ich dann ein Jahr in einer Willkommen-Klasse verbracht, um danach auf eine Berufsschule zu gehen. Dort bin ich jetzt in der DaF-Klasse und möchte einen Schulabschluss machen. Von meiner Familie habe ich seit zwei Jahren nichts mehr gehört, hatte keinen Kontakt zu ihnen.

Mein Wunsch ist, meine Familie zu finden und sie wieder zu sehen, eine Frau zu heiraten, zu arbeiten und ein gutes Leben zu führen.

unser Autor Reza

unser Autor Reza

 kurze Begriffserklärungen zum Text:

Wer sind Sunniten und Schiiten?

Sunniten und Schiiten sind Anhängergruppen im Islam. Beide Gruppen behaupten, den wahren muslimische Glauben zu haben, daher kommen auch alle Konflikte zwischen beiden Gruppen. Außerdem haben beide Gruppen unterschiedliche Regeln, was das Beten angeht (z.B. beten Sunniten fünf mal am Tag, Schiiten dreimal. Ein weiterer Unterschied ist, dass Sunniten vier Imame („Religiöse politische Oberhäupter der islamischen Gemeinschaft“) und Schiiten zwölf Imame haben.

Die Unterscheide gehen zurück auf einen Streit um die Führung der Religion nach dem Tod des Propheten Mohammad.

Was ist ein Mullah?

Mullah ist ein Ehrentitel für schiitische Religionsgelehrte. Da ein Mullah kein Diplom eines Gelehrten besitzt, ist er abhängig von der Anerkennung anderer Gelehrter. Der Zusatz “Imam” bedeutet in dieser Verbindung „Vorbeter“.

Wer sind die Taliban?

Die Taliban sind eine islamistische Miliz, die lange Zeit große Teile Afghanistans beherrschten. Sie wollen regieren und für Allah kämpfen. Außerdem behaupten sie, wenn sie sieben Leute töten, kämen sie direkt ins Paradies.

 



Warum nicht einfach Teller nehmen? – ein französisches Frühstück

Zum Frühstück gibt es Baguette, das Klischee stimmt. Was stellen wir in Deutschland uns unter einem guten Baguette vor, was lieben wir am französischen Brot?

Es ist weich, es ist leckeres, weiches, weißes Brot, zuweilen gar warm – und auf jeden Fall manchmal ein schöner Ausgleich zum harten, deutschen, körnigen Schwarzbrot.

Die Franzosen hier allerdings malträtieren ihr Baguette dermaßen, dass es nichts mehr mit der obigen Beschreibung gemeinsam hat.

Die Franzosen mögen ihr Baguette hart. Frisch gekauftes Baguette wird also erst einmal mindestens einen Tag lang zum Härten auf den Tisch gelegt. Wenn es am Morgen immer noch nicht hart genug ist, wird es getoastet, wahlweise ein, zwei oder drei Mal, damit man es auch ja nicht ohne  sehr viel Mühe essen kann und es laut genug beim Kauen knirscht, dass man sich auch bloß nicht unterhalten kann.

So ein hartes Brot krümelt natürlich auch enorm, doch das stört die Franzosen nicht. Sie benutzen noch nicht mal Teller. Das wäre jedoch nicht nur wegen der Krümel mehr als angebracht.

Die Marmelade, die man in Deutschland ja als dickflüssige Masse kennt und schätzt, besteht hier aus mehr oder weniger eingekochten Früchten in Zuckerwasser. Da das steinharte Brot – „Tartine“ genannt – zur Hälfte aus großen Löchern besteht, damit man auch bloß nicht satt wird, rinnt die „Marmelade“ stets hindurch und tropft auf die Tischdecke.

Warum nicht einfach Teller nehmen?

 

Das war jetzt ein kleiner Einblick in das französische Frühstück. Es schmeckt allerdings trotzdem ganz lecker, mit der Weile gewöhnt man sich an die ungewöhnlichen Essgewohnheiten. Und immer wieder bestätigt sich somit der Spruch: Andere Länder, andere Sitten.

 



Die berühmt-berüchtigte Rentrée

So, ich bin jetzt seit vier Tagen in Frankreich und hatte heute meinen ersten Schultag, die berühmt-berüchtigte Rentrée.

Und die lief so ab:

Um acht Uhr versammelten sich alle Schüler der 3ième (was in Deutschland der neunten Klasse entspricht) im Eingangsbereich der Schule. Der Schulleiter hielt eine kleine Rede, von der ich leider trotz meiner Fremdsprachenkenntnisse kein Wort verstanden habe (der Schulleiter hatte kein Mikrofon). Danach wurden die Schüler einzeln aufgerufen. In Frankreich ist es so, dass jedes Jahr nach den Sommerferien die Klassen neu aufgeteilt werden. Darum sehen die Franzosen der Rentrée stets besorgt entgegen, weil sie Angst haben, vielleicht nicht mit ihren Freunden zusammen zu sein.

Als meine Austauschschülerin aufgerufen wurde, folgte ich ihr und unseren zukünftigen Klassenkameraden in einen Raum. Was mich zuerst irritierte, war das große Plakat mit dem Hakenkreuz, das neben der Tafel hing. Doch das erklärte sich bald – denn das hier war der Raum für Histoire-Géo (Erdkunde und Geschichte, das wird in Frankreich zusammen unterrichtet).

Dort hielten wir uns die nächsten zwei Stunden auf und keiner sprach ein Wort. Nur der Lehrer. Und es wurden die Carnets ausgeteilt.

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Ein Carnet ist ein Heft, das aus 48 Seiten besteht. Die ersten 14 davon sind die Schulregeln. Und der Lehrer hat jede einzelne davon vorgelesen und genauestens erläutert. Das hat zwei Stunden gedauert.

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Ehrlich gesagt war das sterbenslangweilig und ich habe auch nicht die ganze Zeit zugehört, sondern bin immer mal gedanklich wieder zu anderen Orten, Zeiten und Menschen abgeschweift. Dabei musste ich mehrmals fast laut lachen, doch dann hätte ich ja gegen die Regel verstoßen, man müsse die Regeln akzeptieren und dürfe sie nicht lächerlich machen. Um noch ein paar andere Regeln aufzuzählen, hätten wir da:

Man darf keine Helme tragen. Man darf nicht Roller fahren. Und weder Getränke noch Bomben mit in die Schule nehmen!

Es sind beinahe strengere Regeln als bei einem Flug nach Israel.

Der Rest dieses Carnets besteht mehr oder weniger aus Tabellen, die dazu gedacht sind, dass die Lehrer ankreuzen, was der jeweilige Schüler falsch gemacht hat, sei es eine “Bavarderie” (bavarder=quatschen), oder dass er irgendwelches Material vergessen hat. Jeden Tag muss das Carnet den Eltern vorgelegt werden. So erfahren sie immer, wenn der Schüler etwas falsch gemacht hat. Jedes noch so kleine Vergehen wird genauestens notiert, mit Datum. Jede noch so kleine Änderung im Stundenplan, wenn eine Lehrerin nicht da ist, muss ins Carnet geschrieben werden.

Und jeden Tag, wenn man das Schulgebäude verlässt, muss man den sogenannten “Surveillants” (surveiller=überwachen) die Carnets zeigen, damit diese den Stundenplan überprüfen können, ob man zur rechten Zeit geht. Schwänzen ist also nicht!

Die Schule bestätigt folglich alle Klischees über französische Schulen – sie ist sehr streng!

Das war jedenfalls mein erster Eindruck. Wer weiß, vielleicht wird Morgen alles anders…?



Urlaub ist doch was ganz Feines – Terrassenbeobachtungen aus der Ferienanlage

Die Sonne ist gerade untergegangen und ich sitze draußen auf der kühlen Terrasse unseres Ferienapartments und will den Abend mit einer schönen Tasse Horchata de Chufa (ein sehr zuckerhaltiges und kalorienreiches spanisches Gesöff) gemütlich und ruhig ausklingen lassen.

Nicht bedacht beim Schmieden dieses Planes habe ich allerdings, dass unser Ferienapartment Teil einer Ferienanlage ist und demnach die eben genannten Begriffe „gemütlich“, „ruhig“ und „schön“ heute Abend unmöglich gleichzeitig realisiert werden können.

Die laut meditierende Österreicherin auf der Terrasse neben mir toleriere ich ja noch, obwohl ich es schon bedenklich finde, dass sie sich schon seit geraumer Zeit die Nase zuhält, aber die Konsequenzen dessen sollen ja nicht meine Sorge sein.

Auch an die keifende Animateurin aus der abartigen, sehr stark an Hape Kerkelings „Club las Piranjas“ erinnernden Touristenherberge, die mit Mickey-Maus-Stimme auf falschem Englisch die Miss-Wahl moderiert, habe ich mich mittlerweile gewöhnt.

Die Kinderdisko am Pool, bei der alle drei Sekunden ein Kinderkreischen wahrscheinlich vom Band abgespielt wird und schlechte Chipmunk-Versionen von ABBA und den Beatles sowie eine deutsches Cover von Sattelite zusammen in einem Mashup erklingen, strapaziert meine Nerven schon sehr, aber ich bin trotzdem noch guter Stimmung.

Die hebt sich sogar noch, als der Animateur das Ende der Kinderdisko ankündigt und anschließend freudig verkündet – und damit alle Anwohner indirekt vorwarnt – nächsten Mittwoch finde sie erneut statt. Doch das kann mir herzlich egal sein, da bin ich nämlich längst wieder zurück in Deutschland.

Meine Stimmung kippt jedoch sofort wieder, als sich die Besucher der Kinderdisko in die Richtung der nächsten Station ihrer Abendbespaßung bewegen und sich durch unheimliche Geräusche ankündigen.

Interessanterweise führt ihr Weg natürlich an unserer Terrasse vorbei.

Eine vierköpfige, rot gebrannte, englische Proll-Familie mit grauenhaftem Dialekt stolpert meckernd den kleinen Pfad vor unserer Terrasse entlang. Vater und Sohn diskutieren angeregt über Minecraft, Mutter und Tochter streiten über das Ergebnis der Miss-Wahl, das die Tochter, ein dicke, zehnjährige Blondine mit Schweinegesicht, „ungerechterweise“ als Verliererin bestimmt hat. „But you’re beautiful, too“, höre ich die Mutter säuseln und verfluche dabei die Welt mit ihren Lügen.

Hinter ihnen geht eine Ansammlung von spanischen Müttern, die alle gleichzeitig in einem wahnsinnigen Tempo reden und neben mir hat eine italienische Großfamilie, damit es auch bloß nicht zu still ist im Haus, eine spanische Sitcom laufen, bei der alle paar Sekunden schallendes Gelächter ertönt. Keiner der Familie schaut jedoch zu, die Tochter rückt lieber alle Gartenmöbel hin und her, reinigt anschließend sehr lange und sehr geräuschvoll die gesamte Terrasse, während alle männlichen Mitglieder bald anfangen, ebenfalls sehr geräuschvoll und natürlich auch geruchsvoll Unmengen an Fleisch zu grillen. Dabei reden und singen alle Familienmitglieder in einer ungeheuren Lautstärke, während die von ihren Eltern nach draußen verbannten Kinder der Leute von gegenüber anfangen, Fußball zu spielen und Räder zu schlagen.

Eine deutsche Nerdfamilie spaziert angeätzt über den Pfad vor meiner Terrasse, die Mutter schimpft in einem Fort über ihre sandigen Klamotten, sie hasse es, wenn Strand so sandig sei, der Vater schimpft über die Laune seiner Gattin und der Sohn läuft murrend neben seinen Eltern her und fragt, warum es hier kein Internet gebe.

Die leere Strandbahn dreht unmotiviert ihre Runden um die Ferienanlage, hält alle zehn Meter und stößt vor der Weiterfahrt immer das gleiche nervtötende Panflötengeräusch aus.

Die Italiener haben mittlerweile von ihrer Sitcom zu einem Fußballspiel umgeschaltet, das, der Lautstärke des Gelabers dabei zufolge, offenbar alle gleichzeitig moderieren wollen.

Es fallen auch ungewöhnlich viele Tore dabei, so oft wie gegrölt und gejubelt wird, doch ich will ja nichts sagen, vielleicht spielen italienische Mannschaften einfach nur besonders gut – oder haben besonders schlechte Torwarte.

Inzwischen hat der sechsjährige Sohn der meditierenden Österreicherin angefangen, allein gegen die Wand Beachball zu spielen, was ein schönes, monotones, fast schon entspannendes Hintergrundgeräusch ergibt.

Meine Ansprüche sind gesunken, jetzt finde ich schon einen allein Beachball spielenden Jungen entspannend. Wahnsinn.

Ich fange an, mich immer mehr auf das monotone Klacken des Balles zu konzentrieren und merke, wie mir langsam meine Augen zufallen und ich auf meinem klapprigen Plastikstuhl immer weiter nach hinten kippe.

Ab dem Moment setzen meine Erinnerungen für ein paar Sekunden aus, das nächste, was ich wahrnehme, ist ein lautes Rumsen und dann liege ich auf dem Boden. Aus Prinzip stoße ich einen schrillen Schrei aus. Sofort kommt die Österreicherin angerannt, fragt mich auf für mich unverständlichem Österreichisch irgendetwas und macht damit auch die Italiener auf mich aufmerksam. Zum ersten Mal an diesem Abend scheinen sie zu registrieren, dass es auch noch andere Menschen auf dieser Welt gibt außer ihnen.

Natürlich habe ich mir nichts getan, mit Vom-Stuhl-Fallen habe ich viele Erfahrungen, auch, dass die Menschen um einen herum den Sturz als viel dramatischer erleben als man selbst.

Trotzdem ist der eine Italiener noch misstrauisch und spendiert mir noch einen leckeren Fleischspieß.

Als ich im Bett liege und wie üblich die Ereignisse des heutigen Tages sortiere und erörtere, stelle ich fest, dass es doch ein ganz akzeptabler Abend war – mit einem äußerst erfreulichen Ende sogar. Er war zwar weder „gemütlich“ noch „ruhig“ oder „schön“, aber die Horchata schmeckte hervorragend. Und zum Nachtisch gab es schönes, italienisches Fleisch. Urlaub ist doch was ganz Feines.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



Spaziergang an der Müritz oder Welche skurrilen Richtungen ein Text annehmen kann

Der folgende Text ist nach einer wahren Begebenheit verfasst und sollte eigentlich in eine völlig andere Richtung gehen.

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Sonnenuntergang in Rechlin an der Müritz.

 

In den letzten Atemzügen hängt die Sonne noch knapp über dem Horizont und lässt den nun matt dunkelblauen Himmel in einem leicht rosaroten Schimmer scheinen. Der immer anhaltende, leichte Wind über dem Wasser hält an und lässt kleine, friedliche Wellen entstehen, die nach Leben aussehen. Man hört die Grillen laut zirpen, ein ganzes Orchester aus Tiergeräuschen entsteht, und trotzdem bleibt Stille.

Nichts als friedvolle Stille und dem leichten Wellengang der Müritz, der das Wasser im Ohr ganz leise rauschen lässt, wie ein leises Lied, gesungen mit hoher und klarer Stimme. Schläfrig fliegen kleine Insekten über dem Wasser, die die anbrechende Nacht nutzen, um ihre Flüge über dem Wasser zu genießen. Gleich zarter Watte hängen am Himmel kleine, blaugraue Wolken, dünn, träge, matt. Ein Bild der werdenden Nacht.

Junge Männer sitzen mit alten Shirts, einer Flasche Wasser und einer Angel am Steg und angeln. Und in einiger Entfernung sieht man hier und da einen Fisch aus dem Wasser springen, als wolle er die Angler necken. Und immer noch pfeift ein leichter Wind, der das Laub in den nun im Schatten liegenden Bäumen leise, gemütlich und entspannt zittern lässt.

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Der poetisch Verführte fühlt sich wohl im Hafendorf Müritz.

 

Ein junges Pärchen steht am Geländer, hält sich in den Armen und haucht sich leise Liebkosungen zu. Spontan bekommt man Lust, Rosamunde Pilcher zu gucken. Zuhause im Ferienhaus jedoch sitzen – nicht ganz so poetisch verführt wie ich – meine Eltern und regen sich darüber auf, dass das W-Lan für ihr Internet-Radio nicht funktioniert. Meine lilahaarige Bekannte sitzt auf der Wiese und telefoniert wiederrum mit einem Jungen, der mittlerweile ebenfalls lilafarbene Haare hat. (Zitat: „Meins ist ja eher so beere!“) Wenn man bei solchen Telefonaten zuhört, bekommt der poetisch Verführte schon wieder Lust, Rosamunde Pilcher zu gucken.

Warum gucken eigentlich so viele Leute gerne Rosamunde Pilcher? Und warum bitte höre ich mich an wie Rosamunde Pilcher, wenn ich einen Text über einen Verdauungsspaziergang im Müritzpark schreibe? Und warum finde ich das Gespräch zwischen den beiden Lilahaarigen so romantisch, wobei es doch nur um Ohrlöcher und Desinfektionsmittel ging? Schuld daran ist wahrscheinlich das Buch Das Lilienhaus, das ich mir aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen in der Buchhandlung meines Vertrauens gekauft habe.

Ich habe die etwa 400 Seiten tatsächlich auch alle gelesen. Und anscheinend war das ein großer Fehler. Jetzt träume ich jede Nacht davon, die Frau fürs Leben zu finden, total happy mit ihr zusammenzuleben, sie zu heiraten und dann zusammen mit ihr Rosamunde Pilcher zu gucken.

Im Radio läuft Freelove von Depeche Mode, was ich auf skurrile Weise unfassbar ironisch finde. Mein Vater ruft mir aus dem Hintergrund zu, als ich ihm diesen Satz vorlese, dass Radio doch total altmodisch ist, dass das ein Pohtkast (Podcast, for my dear English friends!) sei und was man sich denn von mir denke, wenn ich Radio schreibe.

Es ist unser jährlicher Sommerurlaub in einem der vielen kleinen Dörfer in Mecklenburg-Vorpommern, Rechlin, welches einen großen Ferienpark als Teil der Stadt ansehen darf. Da haken die Rechliner unter. Und Rechlin steht auch ein bedeutender Moment bevor: Am Freitag beginnt das Müritzfest, und da tritt dann Achim Mentzel auf. Ein absolutes Highlight für eine Stadt, in der ein Restaurant mit Holzwänden und Pflanzen auf dem Klo schon als Erlebnisgastronomie betitelt wird. (Auf dieses Restaurant ist man übrigens so stolz, dass man es gleich auf das Ortsschild geschrieben hat.)

Rechlin ist eine kulturelle Metropole: Hier gastiert sogar der Circus Huberti! Eine absolute Nummer hier im hohen Norden, im Kaffkreis um die Müritz. Ein Beispiel für ein solches Örtchen der ganz schlimmen Sorte wäre Serrahn. Und ausgerechnet in diesem Örtchen  haben wir im Jahre 2012 unseren Sommerurlaub verbracht. In einem Ferienhaus, das direkt vor dem Markenzeichen von Serrahn angelegt ist: der Wiese. Denn daraus besteht Serrahn zum größten Teil.

Aber ich weiche ab. Seltsam auf den Laptop vor mir blickend, um zu lesen, was ich gerade geschrieben habe, sitze ich nun in einem beigen Sessel im Wohnzimmer. Hier in der Wohnung gibt es sogar einen DVD-Player und einen Band von Heinz Erhardt. Mittlerweile läuft Everything Counts von Depeche Mode im Radio/Pohtkast (The grabbing hands grab all they can; all for themselves, after all.) – Man sieht, in welche Richtung der Musikgeschmack unserer Familie geht. Ungläubig schaue ich auf die Zeilen, die ich spontan geschrieben habe, und frage mich, wie ein Text über einen Abendspaziergang, bei dem mich die Mücken übrigens fast aufgefressen haben, in diese Richtung gehen konnte.

Meine Mutter sitzt auf einem anderen, weitaus gemütlicheren Sessel im Wohnzimmer, schaut ein Facebook-Video und lacht leise in sich hinein. Während ich ihr die Zeilen, die ich gerade geschrieben habe, vorlese, starrt sie weiter fasziniert auf das iPad, eher indirekt meiner Stimme lauschend. Ich finde mich damit ab, den Text später in einer WhatsApp-Sprachnachricht/Sprachmemo/Voicemail/Klangpostkartre/Ton an meine geschätzte Kollegin Milena vorzulesen.

Im nächsten Augenblick beschließe ich zudem, jetzt, da ich mit meinem Text in der Gegenwart angekommen bin, mit einem unüblichen Satz abzuschließen, während im Radio Shake The Disease von Depeche Mode läuft und meine lilahaarige Bekannte mir ihre Vorliebe für Blasenpflaster als Thema vorschlägt. So ist der unübliche Satz, mit dem ich an dieser Stelle abschließen will, ein Zitat von Loriot: Genügt es, wenn ich mich irgendwie auflöse?

Die Fotos sind private Aufnahmen meiner Familie und mir.



Eindrücke von Menorca – der kleinen, weniger touristischen Schwester von Mallorca



Nazis, Kondome und Bonbons – mehr braucht ein Film wohl nicht

Hier eine Filmkritik zum Film “Sweets”.

Vorgestern war ich wieder auf dem jüdischen Filmfestival. Eigentlich gefällt mir das jüdische Filmfestival sonst sehr gut, doch dieses Mal war ich ein bisschen erstaunt.

Geniale und rabenschwarze Parabel auf den israelisch-palästinensischen Konflikt, so lautet die Beschreibung. 132 Minuten tödliche Langeweile, das Ganze angeblich in deutscher, französischer und hebräischer Sprache mit englischen Untertiteln.

In Wirklichkeit finden die meisten Konversationen auf Hebräisch mit englischen Untertiteln statt oder auf teilweise sogar falschem Englisch.

Im ganzen Film kommen eine deutsche Person (ein alter Nazi) und eine französische Person (eine Schlampe namens Claudia) vor, die einzigen deutschen und französischen Sätze sind, wenn oben genannte Personen sich in ihrer Muttersprache monologartig an ihre Kindheit erinnern. Doch auch das kommt nicht oft vor, vielleicht zwei Mal für einige Sekunden.

Dass man die Geschichte des Films nicht versteht, liegt allerdings, wie man es nun vielleicht vermuten könnte, nicht an der Sprache.

Die alle fast gleich aussehenden alten Männer, von denen ich auch jetzt nicht weiß, wer von ihnen Palästinenser, wer Jude und wer Nazi war – das ging aus ihrem Handeln nicht hervor – die verwirrende Kameraführung – offenbar wurde beim gesamten Filmdreh konsequent nie ein Stativ verwendet – und die vielen nichts sagenden Dialoge sowie in diesem Kontext völlig sinnfreien Szenen wie vielen nackten Menschen in Schwimmreifen in einem Whirlpool irritieren. Nicht nur beim Inhalt wurde gespart, sondern an eigentlich allem, außer an der Zeit. Die Filmmusik ist auch eher spärlich, an ein paar Stellen im Film singt ein älterer Herr (vermutlich ein Israeli) mehrere Minuten lang ein langes, russisches Lied auf Hebräisch.

Wie schon erwähnt ist die Geschichte des Filmes für den Zuschauer eigentlich unklar, man weiß nicht, ob das die Absicht des Regisseurs war, klar ist nur, dass es um verschiedene Personen geht, die in Israel einen Bonbonladen eröffnen wollen und dass dies äußerst problematisch ist. Die doch komplizierte und gefährliche Situation dort wird schon klar, denn am Ende überleben von den insgesamt vielleicht zwölf Personen nur zwei.

Der finale Kampf, bei dem dann ja die meisten Personen ums Leben kommen, ist sehr grausam dargestellt. Mehrere Minuten lang wird ein Mann gezeigt, der mit einem blauen Klebeband an einem Stuhl festgeklebt ist, überall mit Sahne beschmiert ist und in seinen beiden Händen eine Pistolenkugel stecken hat. Irgendwann wird auch eine sehr barbarische, spanische Foltermethode aus dem Mittelalter, bei der man eine Ziege verdursten lässt, sehr präzise und anschaulich beschrieben, was aber auch glücklicherweise ohnehin nicht wirklich in den Kontext passt. Der finale Kampf findet übrigens im Dunkeln statt, man hört nur die Schüsse, was natürlich zeigt, dass es eigentlich ziemlich egal ist, wer stirbt.

Zudem läuft den ganzen Film über ein verrückter Nazi-Kondom-Fabrikant in Nazi-Uniform durch die Straßen Israels, was aber auch keinen zu stören scheint, und erschießt am Ende seinen Poker-Gegner, den Polizisten. Das Blut leckt er auf. Deutschland kommt also mal wieder optimal weg. Claudia, die französische Schlampe – Frankreich kommt auch optimal weg – schläft im Laufe des Filmes ziemlich wahllos mit jedem männlichen  Wesen. Das Ganze scheint sie aber auch eher zu langweilen, in einer der vielen Sexszenen liest sie ein Buch.

Die Sexszenen sind auch sehr anschaulich gemacht, mit lauten Geräuschen. Das lenkt auch vom eigentlichen Inhalt – wenn es denn einen geben sollte – ab.

Immer wieder werden Männer gezeigt, wie sie genüsslich Dauerlutscher und verschiedenste Bonbons verzehren – in allen oben genannten Situationen übrigens, darum heißt der Film wohl auch „Sweets“.

Was an dem ganzen Film genial sein soll, weiß ich auch nicht, vielleicht ist das ironisch gemeint, vielleicht ist das der versprochene rabenschwarze Humor. Muss man aber auch erst mal drauf kommen.