Freie Schule – Freies Selbst?

8 Schulen, 1 Monat und 1 Frage

Kolumne, Teil III

Berlin-Schulzendorf. Demokratische Schule X. Während ich das erste Mal durch die Schule laufe, fällt mir eine Sache direkt auf: ständig sehe ich Jugendliche am Handy. Sie sitzen auf der Couch. Die Chipstüte daneben stammt aus dem Edeka nebenan. Hände fettig. Rücken krumm. Augen glasig. Finger wild umher tippend.

Ein Schüler sitzt am Handy. Das ist das erste, was er aus seiner Schultasche holt.

Im Lernraum ist nichts los. Ich gehe einen Raum weiter: Ruheraum. Auch niemand. Ich will die Tür fast schon wieder schließen, da sehe ich einen kleinen Jungen in dem großen Kissen auf dem Boden liegen. Kein Wunder, dass ich ihn nicht gesehen habe.

Er hat es sich gemütlich gemacht. Eingekuschelt. Nur sein Kopf schaut aus der Decke heraus. In der Hand? Sein Smartphone.

Er schaut zu mir auf. Ich habe nun den freien Blick auf sein Handy. Ich merke, wie ich stocke. Auf seinem Smartphone-Bildschirm ist kein Julien Bäm oder Farid Bang.

Das ist SimplePhysics. Eine Lernplattform auf Youtube, die ich noch gut aus meiner Abizeit kenne. Sie hat mir die ein oder andere Erleuchtung gegeben. Und da sitzt er vor mir. Florian. 10 Jahre. Er schaut sich Stoff an, für den ich mich mit 18 noch nicht mal begeistern konnte. Astrophysik. Der Neutronenstern. 

Florian geht seit November 2017 auf die DSX  (Demokratische Schule X). Vorher war er auf einer Regelschule. Dort kam er nicht klar. Hatte schlechte Noten. Keine Motivation. Keinen Bock. Bei seiner Klavierlehrerin hat er sich Woche für Woche darüber beschwert, wie ätzend Schule ist. „Seit der ersten Klasse war ich jeden Tag genervt von der Schule“, erzählt er. Seine Klavierlehrerin hat ihm dann von der DSX erzählt. 

Mit der DSX-Homepage auf dem Handy ist er begeistert zu seinen Eltern gegangen. Die waren zuerst ziemlich skeptisch. Haben sich aber auf Florians Wunsch eingelassen. Brauchten etwas Eingewöhnungszeit. Florian lernt nämlich anders. Er büffelt nicht über Bücher. Er büffelt über seinem Handy. Hört sich Vorträge an, schaut Erklärvideos, liest Artikel. „Ab und zu schaue ich aber auch mal ein Gaming Video.“ sagt Florian mit einem Schmunzeln. Eine Pause zwischendrin kann man sich ja mal gönnen.

Das Internet ist seine Lernplattform. Hier kann er selber entscheiden, was genau er schauen möchte. Hier sagt ihm niemand, was er sich anschauen soll. Hier findet er auf jede Frage eine Antwort.

Ob Wasserball oder Fußball, die Kids toben sich draußen aus.

Der Ruheraum ist sein Klassenzimmer. Hier ist es dunkel. Es gibt nur ein kleines Fenster. Draußen ist es laut. Dort rennen die Kinder mit Wasserpistolen rum. Daneben kann sich Florian nicht konzentrieren. Außerdem gibt es hier alles, was er braucht: Strom und WLAN.

Für Forian ist die DSX eine Schule, in der man nur das lernt, was einen interessiert. Und ihn interessiert eigentlich viel. Vor allem aber Geschichte und Physik — da gibt es Mehlstaubexplosionen statt Exponentialfunktionen. Er geht aber auch ins Englisch-Angebot. Florian weiß, dass er später seinen mittleren Schulabschluss machen will. Darauf bereitet er sich jetzt schon vor. „In der Regelschule wurde ich immer angemotzt, wenn ich am nächsten Tag die gelernte Vokabel falsch geschrieben habe.“ erzählt er. „ Wenn ich hier zurück hänge, dann frage ich einfach, ob wir nochmal einen Schritt zurück gehen können. So oft, dass ich wieder gut mitkomme.“ Englisch — einst sein unliebstes Fach — hätte ihm sogar angefangen, Spaß zu machen.

Einen Vorteil habe er aber, weil er vorher auf der Regelschule war. Er kann schon Lesen und Schreiben. „Wenn ich die Grundlagen der Regelschule nicht gehabt hätte, würde ich mir wohl mehr rosa Elefanten anschauen.“ erzählt Florian. Wie es die anderen Kinder vielleicht tun? Ich hebe mir diesen Gedanken für später auf. 

Der Junge, der vorhin noch am Handy saß, hat sich mit einem Lernbegleiter zu einem Lerntreffen verabredet. Heute steht der Aufbau der DNA auf dem Programm. (Fotos: Tabea Zorn)

Florians Schwester ist etwas älter als er. Sie geht schon in die 10. Klasse der Regelschule. Sie hat den Wechsel auf die DSX nicht mehr gewagt. Er spürt im Alltag, dass sie beide auf unterschiedliche Schulen gehen. Seine Schwester kommt oft schlecht gelaunt nach Hause. Sitzt am Schreibtisch. Hat Lerndruck. Muss immer irgendetwas tun.

Die einzige Sache, die Florian an seiner Schule stört, ist die lange Fahrtzeit. Er kommt aus Spandau und muss jeden Morgen eine Stunde zur Schule fahren. Für die DSX macht er das aber gerne. „Sonst gefällt mir alles. Obwohl — es könnte eigentlich mehr als einmal in der Woche das Geschichtsangebot geben. In Geschichte lerne ich nämlich super schnell!“

Florian macht für heute Schluss. Den Ruheraum hat er heute keinmal verlassen. Jetzt geht es nach Hause. Er hat sich einen Heliumtank bestellt. Der müsste inzwischen angekommen sein. Gleich mal ausprobieren. 

Seine Schwester macht dann wohl Hausaufgaben.

 

 

*Florian möchte nicht fotografiert werden. Deshalb ist gibt es kein Foto von ihm in diesem Beitrag.

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Written by Tabea Zorn