Nasser #7Leben

Das Theaterstück „Nasser #7Leben“ im Grips Theater erzählt die wahre Geschichte von Nasser El-Ahmed, der 2015 mit dem „Respektpreis“ des Bündnis gegen Homophobie ausgezeichnet wurde.

Das Leben des Nasser El-Ahmed ist bis zu seinem Outing als Homosexueller nicht gerade bühnenreif, und trotzdem alles andere als angenehm verlaufen. Als Sohn libanesischer Einwanderer in Berlin Neukölln aufgewachsen, erfährt er eine liebe- und respektvolle, streng muslimische Erziehung. In dem Stück erzählt er in Form von Youtube-Videos, direkt adressiert an seine Zuschauerschaft, von der strengen Hand, mit der sein Vater die Familie führt, von der Barmherzigkeit seiner Mutter und von den normalen Problemen eines Teenagers, der um die Erlaubnis zu kämpft, länger auf einem Geburtstag bleiben zu dürfen. Somit kann man, wenn man uninformiert an das Stück herangeht, aus dem ersten Viertel des Theaterstücks gar nicht erahnen, dass Nasser schwul ist. Das soll den Zuschauern die Möglichkeit geben, sich mit Nasser zu identifizieren, ohne jegliche Form von Vorurteilen.

Als seine Eltern dann aber über Umwege von Nassers Homosexualität erfahren, brechen bei seinem Vater alle Dämme. Es beginnt ein Familiendrama, geprägt von Hinterlist und unvorstellbaren menschlichen Abgründen.

Das Bühnenbild ist sehr spartanisch, aber clever eingesetzt. Die Wichtigkeit von sozialen Medien in Nassers Leben wird nicht nur durch das Youtube-Format des Stückes dargestellt, sondern auch durch die immer wieder per Video eingeblendeten Kommentare, die Nasser online erhalten hat. Die gezeigten Reaktionen decken das komplette Emotionsspektrum ab, was teilweise bis ins Mark schockiert.

Susanne Lipp überträgt dies auf das komplette Stück, das sich trotz der todernsten Thematik nicht nur gallebitter gibt, sondern auch mit viel Humor an diese prekäre Situation herangeht. Nassers Weg war also nicht nur von Leiden geprägt, und auch am Ende beweist er wahre Größe und schaut wie in Echt auch auf die positiven Seiten seiner Geschichte, die ihm ein großes Stück Freiheit beschert hat.

Das Stück ist bestärkend für Menschen, die sich in ähnlichen Situationen wiederfinden, und unterhaltend für alle.

Ich hatte das Glück, auf der Premierenfeier im Nachhinein zwischen Freunden, Medien und den Mitarbeitern des Grips-Teams ein Interview mit Katja Hiller zu ergattern, die im Stück die Mutter, den Onkel und die Sachbearbeiterin Nassers verkörperte.

Hier noch eine zweite Meinung zu dem Stück:

Es ist eine schreckliche Geschichte.
Es ist ein schweres Thema.
Vielen wird der Name Nasser El-Ahmad ein Begriff sein.
Und auch wenn du ihn nur ,,schon mal gehört hast“, wirst du das nicht zugeben und dann, wenn der andere nicht hinschaut, so schnell wie möglich noch mal im Internet nachlesen, was denn damals dem 16-jährigen libanesisch-stämmigen Neuköllner widerfahren ist. Du wirst lesen, dass Nasser als erstgeborener Sohn einer sehr streng muslimischen Familie in Berlin-Neukölln aufgewachsen und dass er schwul ist. Aber das ist ja nicht ungewöhnlich, wirst du dir denken.

So dachten aber Nassers Verwandte nicht.
Für Nasser begann eine schreckliche Zeit nach seinem ,,Outing“. Sein Vater und sein Onkel überschütteten ihn mit Benzin und drohten, ihn anzuzünden, übergossen den nackten Körper mit heißem Wasser. Sie versuchten, ihn mit seiner damals ebenfalls minderjährigen Cousine zwangszuverheiraten, was die ,, Ehre der Familie retten“ würde. Als ihnen das nicht glückte und Nasser sich in einem ,,Betreuten Wohnen“ vom Jugendamt versteckte, versuchten sein Vater und seine zwei Onkel, ihn zu entführen.
Als ich im Auto zu mir kam, sagte mein Vater, dass im Libanon der Galgen auf mich wartet.
so der heute 20-Jährige.
Doch er hatte Glück, an der Grenze zwischen Rumänien und Bulgarien flog die Entführung auf und Grenzbeamte befreiten ihn. Kurze Zeit später zeigte er seine Eltern an, wurde damit über Nacht zur neuen Figur der Schwulenszene.

Es ist erschütternd, dass solch schreckliche Geschehnisse heute im einundzwanzigsten Jahrhundert immer noch passieren können und dann noch in einer angeblich so toleranten und modernen Stadt wie Berlin.
Eine Geschichte, die schwer zu verdauen ist.
Leichter jedoch fällt dies durch den locker-poppigen Stil des Stückes. Durch Witz, DiscoMusik und ein lebendig-farbiges Bühnenbild wirkt die Konfrontation schmerzarmer.
Nicht aber weniger tiefgründig. Nasser El-Ahmad, gespielt von  David Brizzi, war es von Anfang an wichtig, dass das Thema Homosexualität und dessen Akzeptanz in unserer Gesellschaft nicht blindlings dem Publikum um die Ohren gehauen wird.

Und trotz des Versuches das ganze locker zu gestalten, habe ich Rotz und Wasser geheult.
Die anderen Besucherinnen und Besucher schienen auch nicht ganz zu wissen, wie sie reagieren sollten auf diese Konfrontation. Ein unbehagliches Gefühl stieg auf.
Klar ist, dass der Vater nicht versteht, was an seinem Handeln falsch ist und war. Er handelt nach dem Willen von Allah. Was wir nicht nachvollziehen können, ist hier selbstverständlich. ,,Es hört sich komisch an, aber mein Vater wollte in seiner Gedankenwelt nur das Beste für mich. Die Art und Weise ist chaotisch und falsch. Aber meine Eltern bleiben meine Eltern – und ich liebe sie noch immerso Nasser im Interview mit dem Berliner Kurier

Das Theater Kollektiv will einen Raum der Gleichberechtigung und ohne Vorurteile eröffnen.

Dafür wird für solche, die sich mit dem Stück im Vorhinein nicht beschäftigt haben, erst spät aufgedeckt, dass Nasser schwul ist. Um so die Möglichkeit zu schaffen, sich mit ihm zu identifizieren. Um jede Voreingenommenheit zu überwinden.

Nüchtern, möchte man sagen, berichtet Nasser von seiner Entführung, von dem was ihm seine Verwandten angetan haben. Er betont immer wieder, dass es sich immer noch um seine Familie handelt und er sie trotz alledem liebt.

Auch betont Nasser immer wieder, dass dies nicht die Auffassung ist, welche alle Muslime teilen.

“Homosexualität oder gar die eigene Sexualität ist doch keine Entscheidung. Wann hat man denn entschieden, hetero zu sein, frage ich jetzt jemanden. Ganz einfach: gar nicht. Man hat nie entschieden, hetero zu sein. Genauso ist es mit Homosexualität. Ich habe mir meine Homosexualität nicht ausgesucht. Sie wurde mir geschenkt“, so Nasser bei Deutschlandfunk.

Das ist es das, worauf es ankommt.

Jeder kommt auf die Welt und ist wie er ist. Ob die Einzigartigkeit und das Leben nun von Allah oder vom fliegenden Spaghettimonster verliehen wurden spielt keine Rolle.

Das Einzige, was wichtig ist, ist, dass wir uns akzeptieren genau so wie wir sind.

Wenn ihr also mal wieder ins Theater wollt, dann lege ich euch wärmstens das Stück ,, Nasser#7Leben” ans Herz.

Tickets gibt es erst wieder ab Mai.

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