Spaziergang an der Müritz oder Welche skurrilen Richtungen ein Text annehmen kann

Der folgende Text ist nach einer wahren Begebenheit verfasst und sollte eigentlich in eine völlig andere Richtung gehen.

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Sonnenuntergang in Rechlin an der Müritz.

 

In den letzten Atemzügen hängt die Sonne noch knapp über dem Horizont und lässt den nun matt dunkelblauen Himmel in einem leicht rosaroten Schimmer scheinen. Der immer anhaltende, leichte Wind über dem Wasser hält an und lässt kleine, friedliche Wellen entstehen, die nach Leben aussehen. Man hört die Grillen laut zirpen, ein ganzes Orchester aus Tiergeräuschen entsteht, und trotzdem bleibt Stille.

Nichts als friedvolle Stille und dem leichten Wellengang der Müritz, der das Wasser im Ohr ganz leise rauschen lässt, wie ein leises Lied, gesungen mit hoher und klarer Stimme. Schläfrig fliegen kleine Insekten über dem Wasser, die die anbrechende Nacht nutzen, um ihre Flüge über dem Wasser zu genießen. Gleich zarter Watte hängen am Himmel kleine, blaugraue Wolken, dünn, träge, matt. Ein Bild der werdenden Nacht.

Junge Männer sitzen mit alten Shirts, einer Flasche Wasser und einer Angel am Steg und angeln. Und in einiger Entfernung sieht man hier und da einen Fisch aus dem Wasser springen, als wolle er die Angler necken. Und immer noch pfeift ein leichter Wind, der das Laub in den nun im Schatten liegenden Bäumen leise, gemütlich und entspannt zittern lässt.

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Der poetisch Verführte fühlt sich wohl im Hafendorf Müritz.

 

Ein junges Pärchen steht am Geländer, hält sich in den Armen und haucht sich leise Liebkosungen zu. Spontan bekommt man Lust, Rosamunde Pilcher zu gucken. Zuhause im Ferienhaus jedoch sitzen – nicht ganz so poetisch verführt wie ich – meine Eltern und regen sich darüber auf, dass das W-Lan für ihr Internet-Radio nicht funktioniert. Meine lilahaarige Bekannte sitzt auf der Wiese und telefoniert wiederrum mit einem Jungen, der mittlerweile ebenfalls lilafarbene Haare hat. (Zitat: „Meins ist ja eher so beere!“) Wenn man bei solchen Telefonaten zuhört, bekommt der poetisch Verführte schon wieder Lust, Rosamunde Pilcher zu gucken.

Warum gucken eigentlich so viele Leute gerne Rosamunde Pilcher? Und warum bitte höre ich mich an wie Rosamunde Pilcher, wenn ich einen Text über einen Verdauungsspaziergang im Müritzpark schreibe? Und warum finde ich das Gespräch zwischen den beiden Lilahaarigen so romantisch, wobei es doch nur um Ohrlöcher und Desinfektionsmittel ging? Schuld daran ist wahrscheinlich das Buch Das Lilienhaus, das ich mir aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen in der Buchhandlung meines Vertrauens gekauft habe.

Ich habe die etwa 400 Seiten tatsächlich auch alle gelesen. Und anscheinend war das ein großer Fehler. Jetzt träume ich jede Nacht davon, die Frau fürs Leben zu finden, total happy mit ihr zusammenzuleben, sie zu heiraten und dann zusammen mit ihr Rosamunde Pilcher zu gucken.

Im Radio läuft Freelove von Depeche Mode, was ich auf skurrile Weise unfassbar ironisch finde. Mein Vater ruft mir aus dem Hintergrund zu, als ich ihm diesen Satz vorlese, dass Radio doch total altmodisch ist, dass das ein Pohtkast (Podcast, for my dear English friends!) sei und was man sich denn von mir denke, wenn ich Radio schreibe.

Es ist unser jährlicher Sommerurlaub in einem der vielen kleinen Dörfer in Mecklenburg-Vorpommern, Rechlin, welches einen großen Ferienpark als Teil der Stadt ansehen darf. Da haken die Rechliner unter. Und Rechlin steht auch ein bedeutender Moment bevor: Am Freitag beginnt das Müritzfest, und da tritt dann Achim Mentzel auf. Ein absolutes Highlight für eine Stadt, in der ein Restaurant mit Holzwänden und Pflanzen auf dem Klo schon als Erlebnisgastronomie betitelt wird. (Auf dieses Restaurant ist man übrigens so stolz, dass man es gleich auf das Ortsschild geschrieben hat.)

Rechlin ist eine kulturelle Metropole: Hier gastiert sogar der Circus Huberti! Eine absolute Nummer hier im hohen Norden, im Kaffkreis um die Müritz. Ein Beispiel für ein solches Örtchen der ganz schlimmen Sorte wäre Serrahn. Und ausgerechnet in diesem Örtchen  haben wir im Jahre 2012 unseren Sommerurlaub verbracht. In einem Ferienhaus, das direkt vor dem Markenzeichen von Serrahn angelegt ist: der Wiese. Denn daraus besteht Serrahn zum größten Teil.

Aber ich weiche ab. Seltsam auf den Laptop vor mir blickend, um zu lesen, was ich gerade geschrieben habe, sitze ich nun in einem beigen Sessel im Wohnzimmer. Hier in der Wohnung gibt es sogar einen DVD-Player und einen Band von Heinz Erhardt. Mittlerweile läuft Everything Counts von Depeche Mode im Radio/Pohtkast (The grabbing hands grab all they can; all for themselves, after all.) – Man sieht, in welche Richtung der Musikgeschmack unserer Familie geht. Ungläubig schaue ich auf die Zeilen, die ich spontan geschrieben habe, und frage mich, wie ein Text über einen Abendspaziergang, bei dem mich die Mücken übrigens fast aufgefressen haben, in diese Richtung gehen konnte.

Meine Mutter sitzt auf einem anderen, weitaus gemütlicheren Sessel im Wohnzimmer, schaut ein Facebook-Video und lacht leise in sich hinein. Während ich ihr die Zeilen, die ich gerade geschrieben habe, vorlese, starrt sie weiter fasziniert auf das iPad, eher indirekt meiner Stimme lauschend. Ich finde mich damit ab, den Text später in einer WhatsApp-Sprachnachricht/Sprachmemo/Voicemail/Klangpostkartre/Ton an meine geschätzte Kollegin Milena vorzulesen.

Im nächsten Augenblick beschließe ich zudem, jetzt, da ich mit meinem Text in der Gegenwart angekommen bin, mit einem unüblichen Satz abzuschließen, während im Radio Shake The Disease von Depeche Mode läuft und meine lilahaarige Bekannte mir ihre Vorliebe für Blasenpflaster als Thema vorschlägt. So ist der unübliche Satz, mit dem ich an dieser Stelle abschließen will, ein Zitat von Loriot: Genügt es, wenn ich mich irgendwie auflöse?

Die Fotos sind private Aufnahmen meiner Familie und mir.

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