Die Sonne ist gerade untergegangen und ich sitze draußen auf der kühlen Terrasse unseres Ferienapartments und will den Abend mit einer schönen Tasse Horchata de Chufa (ein sehr zuckerhaltiges und kalorienreiches spanisches Gesöff) gemütlich und ruhig ausklingen lassen.

Nicht bedacht beim Schmieden dieses Planes habe ich allerdings, dass unser Ferienapartment Teil einer Ferienanlage ist und demnach die eben genannten Begriffe „gemütlich“, „ruhig“ und „schön“ heute Abend unmöglich gleichzeitig realisiert werden können.

Die laut meditierende Österreicherin auf der Terrasse neben mir toleriere ich ja noch, obwohl ich es schon bedenklich finde, dass sie sich schon seit geraumer Zeit die Nase zuhält, aber die Konsequenzen dessen sollen ja nicht meine Sorge sein.

Auch an die keifende Animateurin aus der abartigen, sehr stark an Hape Kerkelings „Club las Piranjas“ erinnernden Touristenherberge, die mit Mickey-Maus-Stimme auf falschem Englisch die Miss-Wahl moderiert, habe ich mich mittlerweile gewöhnt.

Die Kinderdisko am Pool, bei der alle drei Sekunden ein Kinderkreischen wahrscheinlich vom Band abgespielt wird und schlechte Chipmunk-Versionen von ABBA und den Beatles sowie eine deutsches Cover von Sattelite zusammen in einem Mashup erklingen, strapaziert meine Nerven schon sehr, aber ich bin trotzdem noch guter Stimmung.

Die hebt sich sogar noch, als der Animateur das Ende der Kinderdisko ankündigt und anschließend freudig verkündet – und damit alle Anwohner indirekt vorwarnt – nächsten Mittwoch finde sie erneut statt. Doch das kann mir herzlich egal sein, da bin ich nämlich längst wieder zurück in Deutschland.

Meine Stimmung kippt jedoch sofort wieder, als sich die Besucher der Kinderdisko in die Richtung der nächsten Station ihrer Abendbespaßung bewegen und sich durch unheimliche Geräusche ankündigen.

Interessanterweise führt ihr Weg natürlich an unserer Terrasse vorbei.

Eine vierköpfige, rot gebrannte, englische Proll-Familie mit grauenhaftem Dialekt stolpert meckernd den kleinen Pfad vor unserer Terrasse entlang. Vater und Sohn diskutieren angeregt über Minecraft, Mutter und Tochter streiten über das Ergebnis der Miss-Wahl, das die Tochter, ein dicke, zehnjährige Blondine mit Schweinegesicht, „ungerechterweise“ als Verliererin bestimmt hat. „But you’re beautiful, too“, höre ich die Mutter säuseln und verfluche dabei die Welt mit ihren Lügen.

Hinter ihnen geht eine Ansammlung von spanischen Müttern, die alle gleichzeitig in einem wahnsinnigen Tempo reden und neben mir hat eine italienische Großfamilie, damit es auch bloß nicht zu still ist im Haus, eine spanische Sitcom laufen, bei der alle paar Sekunden schallendes Gelächter ertönt. Keiner der Familie schaut jedoch zu, die Tochter rückt lieber alle Gartenmöbel hin und her, reinigt anschließend sehr lange und sehr geräuschvoll die gesamte Terrasse, während alle männlichen Mitglieder bald anfangen, ebenfalls sehr geräuschvoll und natürlich auch geruchsvoll Unmengen an Fleisch zu grillen. Dabei reden und singen alle Familienmitglieder in einer ungeheuren Lautstärke, während die von ihren Eltern nach draußen verbannten Kinder der Leute von gegenüber anfangen, Fußball zu spielen und Räder zu schlagen.

Eine deutsche Nerdfamilie spaziert angeätzt über den Pfad vor meiner Terrasse, die Mutter schimpft in einem Fort über ihre sandigen Klamotten, sie hasse es, wenn Strand so sandig sei, der Vater schimpft über die Laune seiner Gattin und der Sohn läuft murrend neben seinen Eltern her und fragt, warum es hier kein Internet gebe.

Die leere Strandbahn dreht unmotiviert ihre Runden um die Ferienanlage, hält alle zehn Meter und stößt vor der Weiterfahrt immer das gleiche nervtötende Panflötengeräusch aus.

Die Italiener haben mittlerweile von ihrer Sitcom zu einem Fußballspiel umgeschaltet, das, der Lautstärke des Gelabers dabei zufolge, offenbar alle gleichzeitig moderieren wollen.

Es fallen auch ungewöhnlich viele Tore dabei, so oft wie gegrölt und gejubelt wird, doch ich will ja nichts sagen, vielleicht spielen italienische Mannschaften einfach nur besonders gut – oder haben besonders schlechte Torwarte.

Inzwischen hat der sechsjährige Sohn der meditierenden Österreicherin angefangen, allein gegen die Wand Beachball zu spielen, was ein schönes, monotones, fast schon entspannendes Hintergrundgeräusch ergibt.

Meine Ansprüche sind gesunken, jetzt finde ich schon einen allein Beachball spielenden Jungen entspannend. Wahnsinn.

Ich fange an, mich immer mehr auf das monotone Klacken des Balles zu konzentrieren und merke, wie mir langsam meine Augen zufallen und ich auf meinem klapprigen Plastikstuhl immer weiter nach hinten kippe.

Ab dem Moment setzen meine Erinnerungen für ein paar Sekunden aus, das nächste, was ich wahrnehme, ist ein lautes Rumsen und dann liege ich auf dem Boden. Aus Prinzip stoße ich einen schrillen Schrei aus. Sofort kommt die Österreicherin angerannt, fragt mich auf für mich unverständlichem Österreichisch irgendetwas und macht damit auch die Italiener auf mich aufmerksam. Zum ersten Mal an diesem Abend scheinen sie zu registrieren, dass es auch noch andere Menschen auf dieser Welt gibt außer ihnen.

Natürlich habe ich mir nichts getan, mit Vom-Stuhl-Fallen habe ich viele Erfahrungen, auch, dass die Menschen um einen herum den Sturz als viel dramatischer erleben als man selbst.

Trotzdem ist der eine Italiener noch misstrauisch und spendiert mir noch einen leckeren Fleischspieß.

Als ich im Bett liege und wie üblich die Ereignisse des heutigen Tages sortiere und erörtere, stelle ich fest, dass es doch ein ganz akzeptabler Abend war – mit einem äußerst erfreulichen Ende sogar. Er war zwar weder „gemütlich“ noch „ruhig“ oder „schön“, aber die Horchata schmeckte hervorragend. Und zum Nachtisch gab es schönes, italienisches Fleisch. Urlaub ist doch was ganz Feines.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Written by Milena