Mein Projekt: Talita Cumi

Seit vier Wochen nun bin ich im Projekt zusammen mit einem weiteren Freiwilligen names Paul, der ca. 200 m weiter im Jungshaus arbeitet. Ich bin demnach im Mädchenhaus “Talita Cumi”  was soviel wieMädchen, steh auf “ bedeutet und seinen Ursprung in der Bibel (Mk 5,41) hat.

Mein Projekt ist in El Alto (die Höhe), einer Stadt die den Talkessel La Paz mehr oder weniger umschließt und bis 1985 sogar deren Stadtteil war. Heute zählt El Alto mehr Einwohner als La Paz und ist nach Santa Cruz die zweitgrößte Stadt Boliviens. Während die Bevölkerungsszahl von La Paz seit Jahren aufgrund der topographischen Beschränkungen stagniert, verzeichnete El Alto einen massiven Anstieg. Ungefähr 75% der Einwohner gehören der indigenen Gruppe Aymara an, das heißt man sieht weitaus mehr Frauen mit Röcken und traditionellem Hut als in der Südzone La Paz’ wo ich wohne. Hier sehen maximal die Hausangestellten so aus, die unter der Woche sozusagen beim Arbeitgeber wohnen und dann wie unsere Ana Samstag Mittag wieder “hoch”fahren.

Trotz all der Besonderheiten wird El Alto selten in Reiseführern genannt, mal abgesehen von dem höchstgelegenen internationalen Flughafen, der in La Paz keinen Platz hatte. Die Mehrheit der Menschen lebt unter der Armutsgrenze und viele sind Analphabeten. Die meisten Häuser sind nicht verputzt, da so weniger Steuern gezahlt werden müssen. Ein Haus gegenüber von meinem Projekt sieht von vorne ganz normal aus, schaut man allerdings seitlich drauf, sieht man, dass nur die Vorderseite verputzt wurde und sich dahinter ein Rohbau befindet. Schnellstmöglich werde ich Fotos hochladen, im Moment will ich meine Umgebung dort jedoch erstmal besser kennenlernen, da schon der ein oder andere unerfahrene Gringo mit teurer Kamera abgezogen wurde. Schon gleich am zweiten Tag habe ich erfahren, dass ein Trufi-Fahrer am Vorabend um sieben Uhr (da ist es noch nicht wirklich dunkel) überfallen, ausgeraubt und in fraglichem Zustand zurückgelassen wurde. Und das alles zwei Ecken weiter.

Da ich vom tiefsten Punkt La Paz’ bis zum höchsten Punkt El Altos fahre (bestimmt so einen Kilometer Höhenunterschied), dafür wenn’s gut läuft anderthalb Stunden, wenn’s schlecht läuft mehr als zwei brauche, schlafe ich unter der Woche vorort. Und zwar in einem weiteren Haus nochmal 200m entfernt zusammen mit momentan fünf anderen Freiwilligen aus den USA, die im Erdgeschoss ihre Zimmer haben und Johnny plus Familie, dessen Aufgabe ich noch nicht ganz durchblickt habe, der aber wohl die drei Häuser (Jungs, Mädchen und noch eins für Paare) koordiniert. Außerdem sind in dem Wohnhaus noch die Büros. Paul und ich haben jeweils ein großes Zimmer mit je drei Betten, was schon ziemlicher Luxus ist, allerdings wird die Heizung angesichts der Größe des Raumes zwecklos. Sie schaffts einfach nicht. Daher ist es kalt und ich schlafe immer in Fließpullovern. Außerdem haben wir noch eine Küche und ein Bad für uns alleine.

Jetzt zum Projekt: Was ist das überhaupt? In einer Mail von meiner Organisation AFS wurde es mir als eine Einrichtung für Mädchen bis 18 Jahre beschrieben, die auf der Straße leben und evtl. drogensüchtig sind. Die Realität sieht ein bisschen anders aus: Gegenwärtig sind es sechs Mädchen bzw. Frauen und vier Kinder die im Projekt leben. Drei sind unter 18, drei über 18 (von denen zwei auch ihre jeweils zwei Kinder dabei haben). Einige (vorallem Oma und Papa), denen ich von der Beschreibung erzählt habe, waren erstmal durch das Wort “drogensüchtig” geschockt – ich auch ein bisschen. Das hat sich aber schnell wieder gelegt. Im Grunde merkt man davon gar nichts und ich bin mir auch nicht sicher, ob es überhaupt auf alle zutrifft. Äußerlich sieht man vereinzelt Narben sowie schlechte Zähne, das ist hingegen bei den Jungs deutlich schlimmer. Anfangs waren einige Mädchen recht schüchtern, sind aber schnell aufgetaut. Dazu muss ich aber auch sagen, dass in meinem Projekt keine “Extremfälle” sind. Ein Mädchen zum Beispiel ist im Projekt, weil die Eltern geschieden sind, jeweilig neue Familie und Kinder haben und sie dann untergegangen zu sein schien. So genau habe ich nicht gefragt. Oder von einer Mutter weiß ich, dass sie mit ihren Kindern und deren Vater auf der Straße gelebt hat und er sie wohl geschlagen hat. Ihre kleine Tochter singt beim Frühstück und wenn die Großen ihre Morgenandacht haben und ich aufpasse, kann man Dinge heraushören.

Es soll also eine Wiedereingliederung auf Basis von Gott und der Bibel erfolgen. Bei der Morgenandacht wird eine Bibelstelle herausgesucht und darüber gesprochen. Danach gibt es Frühstück, ein Brot und ein heißes Getränk, meist mega gezuckert. Anschließend machen die Mädchen ihre Aufgaben, die aus Haus putzen bestehen. Das Mittagessen kochen sie auch selber, dafür gibt es einen Plan. Dienstags und Samstags kommt eine Lehrerin, ansonstens gibt es keine Schulbildung. Ein Mädchen macht eine Ausbildung zur Friseurin und darf das Projekt verlassen, sonst ist das Tor immer abgeschlossen. Es gibt einen Hof mit Fußballtor und manchmal machen sie bei Johnnys Aerobic mit. Es ist eine familiäre Atmosphäre und ich fühle mich echt wohl.

Ab nächster Woche kann ich mit einem Englischkurs und evtl. Computerkurs anfangen, dann habe ich auch einen geregelteren Arbeitsablauf. Derzeit hab ich da ausgeholfen, wo es nötig war. Das war meistens bei den Lebensmitteln, da in naher Zukunft das Projekt kontrolliert wird und sich kein einziges abgelaufenes Produkt, noch nicht mal Quinoa oder Nudeln, im Schrank befinden darf. Das heißt ich durfte alles durchschauen, aussortieren, die Anzahl aufschreiben und mit grünen, gelben und roten Punkten versehen, die das Ablaufdatum anzeigen. Jeden Dienstag gehen wir mit Hermana Christi (alle werden mit Hermana angesprochen – auch ich) auf den Markt und kaufen Gemüse/Früchte für drei Häuser ein. Das heißt ganz schön schleppen, aber zum Glück ist ja auch Paul dabei und zurück fahren wir mit dem Taxi. Der Markt ist echt beeindruckend, da die Verkäuferinnen teilweise auf ihren Waren sitzen. Dann werden Tonnen von Orangen angehäuft und in der Mitte eine Cholita.

Saludos

Carlotta

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