Auf nach Bendorf!

Samstag, der 12. Dezember, 9:48, Hauptbahnhof Berlin:

Mein Vater und ich tigern ungeduldig auf und ab und warten, dass der Zug einfährt. Nachdem mein Text „Radtour mit Frau Mutter“ nämlich vor kurzem in der Kidz4Kids-Anthologie veröffentlicht worden ist, bin ich dieses Wochenende zur Lesung im sogenannten Bendorfer Buchladen in Bendorf eingeladen.

Und so machen sich – zwar nicht Frau Mutter und ich – aber Herr Vater und ich tatsächlich am dritten Adventswochenende auf die weite Reise aus dem entfernten Berlin nach Bendorf, einem kleinen Kaff in Rheinland-Pfalz in der Nähe von Engers, Königswinter, Niederdollendorf und Unkel.

Ich bin nervös.

Das liegt allerdings nicht an der Lesung – jedenfalls noch nicht – sondern eher an der Tatsache, dass mein Vater Pech sowie vor allem bekloppte Wesen aller Art geradezu magnetisch anzieht, das weiß ich aus Erfahrung. So steigen wir, als der Zug dann endlich kommt, absichtlich in den falschen der beiden Zugteile (der Zug wird in Hamm geteilt), in der Hoffnung, der mit einer Bahnfahrt unfehlbar einhergehenden umgekehrten Wagenreihung zuvorzukommen.

Der Plan geht tatsächlich auf: Wir sitzen im falschen Zugteil Richtung Düsseldorf, aber fahren nach Köln, denn da müssen wir erst mal hin.

Zehn Minuten nachdem wir losgefahren sind, tapert eine von meinem Vater und mir erst kopfschüttelnd als Kölner Karnevalvolk identifizierte singende Horde noch immer auf der Suche nach Plätzen durch den Zug und beschließt letztlich, sich genau um uns herum zu platzieren.

Recht bald stellt sich heraus, dass es sich doch nicht um das berühmte Kölner Karnevalvolk handelt, sondern um das gesamte Team von Berlin Tag und Nacht, das heute zum großen Weihnachtssaufen unterwegs nach Köln ist.

Um halb elf wird Alkohol rausgeholt, um Viertel vor elf zur erneuten Stimmungssteigerung laut Musik angemacht: Spanische Diskomusik, mehrsprachiger Rap, Udo Jürgens, sektenartige Gesänge, klassische Bumsmusik und All I Want For Christmas – und das alles gleichzeitig.

Unpraktischerweise haben sich alle Mitglieder dieses geisteskranken Feiertrupps wie schon erwähnt im ganzen Waggon verteilt (um uns hinterlistig einzukesseln) und so beginnt bald die rege Migration halbnackter, volltätowierter Mannsweiber mit knallroten Monstertitten und muskelbepackter Asoziale mit den weltfremdesten Frisuren von der einen Ausschänke am einen Ende des Waggons zur anderen am anderen Ende.

Mit einer beinahe schon bewundernswerten Zielgenauigkeit gelingt es ihnen jedes Mal, dabei irgendjemanden anzurempeln, anzurülpsen oder irgendetwas umzuschmeißen. Zum Beispiel Kaffee. Auf die Tasche meines Vaters.

Ich höre Rammstein und Zaz.

Ab und zu schnappe ich verstörende Gesprächsfetzen auf; es folgt eine Liste mitgeschriebener Originalzitate:

„Du trinkst den pur?“

„Da kommt das Frühstück wieder hoch!“

„Wenn du davon 20 Stück trinkst, kriegst du richtig Kopfschmerzen!“

„Ich bin gerade spritzig.“

„Schakalaka bumm.“

„Das ist nicht meine Hand!“

„Allein der Gedanke, dass er ihn in den Schwanz gebissen hat…“

Irgendwann sind die Herrschaften bei rassistischen Witzen angelangt, Schlagworte wie „Afghanistan“, „Chinese“, „Kannibale“, „Islamischer Staat“ und „Führer“ sorgen für lautes Gelächter.

Herr Vater postet alle zwei Minuten Updates auf Facebook, die er selbst mit Beweisfotos kommentiert.

Als wir nach sechs Stunden Fahrt endlich irgendwann das Hotel „friends“ erreichen, wird uns gegen unseren Wunsch das sogenannte „Star Wars-Zimmer“ zugeteilt:

Spezielle Lichtinstallationen wie Weltraumanimationen an der Raumdecke, leuchtende, kosmisch anmutende Tische, beängstigende Plasmalampen sowie sehr gewöhnungsbedürftige Star Wars-Kuscheltiere sollen für das unvergleichliche Schlaferlebnis sorgen.

Das einzige unvergleichliche Schlaferlebnis wird allerdings diese Nacht das Schnarchen meines Vaters sein.

Am späten Nachmittag durchwandern Herr Vater und ich auf der Suche nach dem Bendorfer Buchladen ganz Bendorf, am Ende finden wir den Weg dank einer hilfsbereiten Kaufland-Kassiererin.

Die Lesung verläuft trotz zwischenzeitlicher Anfälle dann doch sehr starker Nervosität mehr oder weniger reibungslos.DSC00538

Als wir um halb neun wieder im Hotel ankommen, haben wir Hunger, doch es gibt nichts. Wir werden zur einzigen Gaststätte Bendorfs gewiesen, dem sogenannten „Brauhaus“, wo wir knapp anderthalb Stunden auf zwei halbgare Pizzen warten dürfen.

Am nächsten Morgen müssen wir dann auch schon wieder um halb acht aufstehen, um den frühsten Zug zu erwischen, denn sonst fahren wir wieder mit den verkaterten Laienschauspielern und das wollen wir möglichst vermeiden.

Der Plan geht auf.

 

 

 

 

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