“You patriotic junkies” – Depeche Mode und ihr düsteres neues Werk (Rezension)

Vier Jahre nach Veröffentlichung des Vorgängeralbums Delta Machine melden sich Depeche Mode mit ihrem vierzehnten Studioalbum Spirit zurück. Politisch, experimentell und gnadenlos pessimistisch besingt das englische Trio Revolutionen, Fehler und vergiftete Herzen.

Behind The Wheel. Promobild von Depeche Mode zum neuen Album “Spirit”. Bildquelle: http://bit.ly/2nSnTtD

Im Voraus wurde viel über dieses Album gesprochen. Mit dabei die altbekannten Stimmen, die dreiundzwanzig Jahre nach seinem Ausstieg noch immer über die Abwesenheit von Alan Wilder klagen. Allerdings auch jene, die diesem Album vorwerfen, es handle sich dabei nicht mehr um Musik, sondern nur noch um sperrige Klang-Arrangements. Doch wie viel ist wirklich dran? Trifft das neue Album der Briten – mittlerweile Wahl-Amerikaner – den Spirit? Schauen wir uns das doch einmal genauer an und gehen die zwölf Titel der neuen Platte einmal Stück für Stück durch.

01 – Going Backwards

Etwas unüblich für die Band beginnt das Album nicht mit einem Intro. Während bei Delta Machine auf Welcome To My World noch ein Synthie knarzte, bevor sich der Song aufbaute, setzt hier gleich die groovende, piano- und gitarrengetriebene Melodie ein. Der Song schreitet voran, klingt fast schon positiv. Der Text allerdings spricht eine ganz andere Sprache. Dieser thematisiert den Drohnenkrieg, der tausende Unschuldige in den Tod reißt und zwar mit einer fortschrittlichen Technologie arbeitet, in Bezug auf die Mentalität aber in großen Schritten rückwärts geht. Interessanter, grooviger Opener mit einem schlendernden Rhythmus. Live wird der wohl ziemlich etwas hergeben  4,5/5

We’re going backwards
Armed with new technology
Going backwards
To a cavemen mentality – Depeche Mode, “Going Backwards”

 

02 – Where’s The Revolution

Der Vorbote von Spirit. Während wir im Musikvideo Martin, Dave und Fletch mit Karl-Marx-Bärten ein Podium durch die Gegend schieben sehen, bietet uns der Song vor allem breite, elektronische Klänge. Das klingt nach einem in dieser Form ungewohnten Synthie-Orchester, das uns auf eine musikalische Reise schickt. Diese Reise führt zwar vorbei an Straßenprotesten und zerstörten Gebäuden, dennoch bleibt die Aussage stark. Der Text triezt und appelliert den Hörer, Dave Gahan schnauzt uns an, nennt uns “patriotische Junkies” und fragt uns, wo die Revolution bleibt. Ich finde, sie ist genau hier. Ein Song, der vor allem inhaltlich die Richtung von Spirit klar zeigt. Auch musikalisch geht der Text in neue Richtungen. Eine solche Breite war vorher ungewohnt, dasselbe gilt für die Chöre bei “The train is coming”. Vielleicht kein Hit, dennoch durchaus spaßig. Der Song lädt definitiv zum langsamen Nicken ein. Corrupt lässt grüßen. – 4/5

03 – The Worst Crime

Eine leicht bluesig anmutende Ballade. Passend dazu ist Dave Gahans Stimme, randvoll mit Hoffnungslosigkeit und Widerwillen. Gänsehaut erzeugte bei mir die Zeile “So step up to the gallows.” Der Song ist eine pure pessimistische Breitseite mit blutigem Text. Wirkungsvoll, atmosphärisch und sehr stimmig. Dave liefert eine großartige Performance und lässt Martin Gores Worte noch um einiges düsterer wirken. – 5/5

04 – Scum

Um einiges roher geht es weiter. Noch nie haben wir die Stimme von Dave so dreckig verzerrt und übersteuert gehört. Wütend und fast schon herablassend klingen die Strophen. Im Refrain hören wir ein gebrülltes “Pull the trigger”, das gleichzeitig lässig und angekotzt klingt. Im Hintergrund wechseln sich dabei verträumte Synthies mit Rock’n’Roll-Gitarren. Nicht beim ersten, aber beim zweiten Hören, entwickelte dieser Song bei mir seine volle Wirkung. Nicht sehr tanzbar, dafür aber vor allem von inhaltlicher Tiefe. – 4/5

05 – You Move

Der fünfte Track der Scheibe knarzt langsam elektronisch los. Schon nach den ersten Sekunden erinnert der Song an alte Zeiten. You Move klingt wie ein misanthropisches Überbleibsel aus den 80ern mit rockigem Gesang. Die Melodie könnte man in dieser Form auch auf Construction Time Again erwarten. Den alten Zeiten wird also angemessen gehuldigt. Der pessimistische und fast schon zynische Spirit (hihi…) der Platte wird dabei gut integriert. Nostalgie und der Wunsch danach, sich zu dem schleppenden Rhythmus zu bewegen, tragen diesen Song. Kurzum: klingt nach einem Frustabstecher in den suspekten Club um die Ecke, geschwängert von Schwere und Lustlosigkeit. Klingt negativ, ist aber genau der Punkt, der diesen Song so gut macht. – 4,5/5

06 – Cover Me

Mit Abstand das bluesigste Stück des ganzen Albums. Cover Me hätte auch gut seinen Platz auf der letzten Soulsavers-Platte finden können. Gahans angenehme Stimme gleitet über ein paar Gitarren-Strums von Martin. Atmosphärisch ist der Song nicht unbedingt traurig, dafür aber getragen von Melancholie und Verträumtheit. Dave besingt das Morgenlicht, und tatsächlich könnte der Song der Soundtrack für einen Sonnenaufgang sein. Ab der Hälfte des Songs geht der Song in einen langen Instrumentalteil über. Dieser ist um einiges elektronischer und erinnert ein wenig an das, was es 2009 auf der Sounds Of The Universe zu hören gab. Ein weiteres Highlight auf Spirit– 5/5

07 – Eternal

Mit zwei Minuten und 25 Sekunden das kürzeste Lied auf SpiritEternal ist ein von Martin Gore gesungener Interlude, dessen Instrumentierung sich auf ein paar gleitende, elektronische Klänge beschränkt. Martin singt auf sphärische Klänge, was hervorragend klingt und funktioniert. Und wenn mit der Zeile “The radiation falls” plötzlich stampfende Menschenmengen einsetzen, erinnert das nicht nur an Pipeline von Construction Time Again, sondern es greift auch das Thema der Revolution wieder auf. Am Ende klingt das seichte, elektronische Summen fast schon wie eine Sirene. In meinem Kopf entstehen Bilder von einem Vater, der sein kleines Kind im Luftschutzkeller an sich drückt, um es vor den Bomben zu schützen. Ein kleines, aber nicht minder atmosphärisches Stückchen, das wieder dem Leitthema von Spirit Platz bietet: der Hoffnungslosigkeit. – 5/5

08 – Poison Heart

Mit dem achten Song der Scheibe kehren Hoffnungslosigkeit und Trauer wieder in gewohnter Größe zurück. Von der Vergiftung unserer Herzen handelt dieser Song, und der Refrain beschränkt sich auf zwei Worte, die die spirit’sche Grundstimmung ganz gut zusammenfassen: “Oh no.” Sphärisch klingt das Zusammenspiel aus Elektronik und Gitarre, die Strums kommen nicht bluesig, sondern schwebend daher. Zwar wird der Song kein Live-Hit, dennoch ist er schön und melodiös. Trotz des Schmerzes, der diesen Song trägt, ist er angenehm zu hören. Dass dieser Song Thema und Atmosphäre des Albums hervorragend einfängt, steht außer Frage. – 4,5/5

09 – So Much Love

Nanu? Plötzlich ziehen Depeche Mode das Tempo an, dass man fast meint, wir hören hier eine umgedichtete Version des Klassikers A Question Of Time. Der neunte Song auf Spirit zeigt, dass Depeche Mode sehr wohl noch klingen können wie zu Zeiten von Black Celebration. Dieser Song ist fraglos der fröhlichste und schnellste Song der Scheibe, fast möchte ich sagen, dass er zu einem heimlichen Hit avancieren kann. Schön oldschool klingt der zügige Elektro-Beat, sodass man sich im Kopf bereits Dave Gahan vorstellt, wie er rhythmisch seine Hüften zu diesem Song schwingt. So Much Love macht Spaß und lässt für ein paar Minuten die Schwere des Albums vergessen. Es zischt, groovt und ist erstaunlich tanzbar. Da soll mir doch mal einer erzählen, Spirit sei ein einziges Gejaule. 😉 – 5/5

10 – Poorman

Die ersten paar Synthie-Anschläge lassen uns wieder an die frühen Alben denken, dann allerdings setzt ein fast schon gospelartiger Chor ein. Auf diesen folgt ein bis zur Unkenntlichkeit verzerrter Gitarrenriff, der aber verdammt cool klingt. Im Hintergrund schnaufen die Synthesizer wie eine alte Eisenbahn, währenddessen greift der Text fast schon die Everything Counts-Thematik auf. Im Vergleich zum vorherigen Song geht es hier wieder um einiges langsamer zu, und die Zeile “Keeping almost everything they make” wird von Gahan mit Backup von Gore fast schon dahingeseufzt. Der Song klingt wahrhaftig wie ein Dokument einer traurigen Zeit, und das ist er durch seine textliche Aktualität auch. Einer der Schlüsselsongs des Albums, der die Stimmung und Thematik hervorragend einfängt. “There’s no news.” – 4,5/5

11 – No More (This Is The Last Time)

Die ersten Sekunden klingen kurz nach Breathing In Fumes, dann jedoch hören wir Dave Gahan wieder leicht angespannt über Wiederholung philosophieren. Mit einer ordentlichen Portion Attitüde verabschiedet sich Gahan textlich von sich immer wiederholenden Ritualen, während das Instrumental sich wieder auf synthetische Reisen begibt. Wieder klingt es ein wenig nach den Achtzigern, fast möchte ich den Vergleich zu Some Great Reward ziehen. No More klingt von der ersten bis zur letzten Sekunde nach Depeche Mode in Reinform. – 5/5

12 – Fail

Der stimmungsmäßige (nicht der musikalische!) Tiefpunkt des Albums. Jegliche Hoffnung, jegliche Euphorie fehlt diesem Song. Martin Gore fragt uns “Do we call this trying?” und klingt dabei so, als wolle er die Antwort überhaupt nicht hören. Zum ersten Mal in fast vier Jahrzehnten Bandgeschichte lässt Gore in Fail eine F-Bombe einschlagen. Das simple Fazit der ersten Strophe, das Fazit zur aktuellen Lage der Gesellschaft lautet: “Oh, we’re f***ed.” Das Finale von Spirit kommt so pessimistisch daher wie kein anderer Song auf dem Album. Das Instrumental unterstreicht den Text fabelhaft, wir hören gleitende, weite, deprimierte Synthies. Das vierzehnte Depeche Mode-Album endet mit der ultimativen Zusammenfassung des Albums. Die letzten Worte des Songs lauten “Oh, we’ve failed.” Dies allerdings lässt sich von dem Song, von dem gesamten Album, nicht sagen. Ein grandioser Abgesang. – 5/5

People
What are we thinking?
It’s shameful
Our standards are sinking
We’re barely hanging on
Our spirit has gone – Depeche Mode, “Fail”

Fazit

Mit Spirit treffen Depeche Mode mitten ins Herz. Die Texte sind hochaktuell, das Album ist von gigantischer Schwere getragen, das Gesamtkonzept so düster wie nie zuvor. Mit ihrer vierzehnten Platte klingen Depeche Mode wieder voll und ganz wie sie selbst: Gleichzeitig neuartig und treu zu sich selbst. Jede musikalische Phase wird auf diesem Album neu besucht, dadurch ist es um einiges elektronischer als der Vorgänger Delta Machine. Auch textlich kehrt es zurück zu Depeche Modes Wurzeln. Die große Rundreise ist ein geschlossener Kreis, vom ersten bis zum letzten Song wirkt das Album perfekt zusammengestellt. Mit reichlich Erfindergeist und Breite beweisen uns (oder zumindest mir) Depeche Mode, dass es Alan Wilder nicht braucht, um das eigene Erbe gebührend weiterzuführen und – vor allem – zu vergrößern. Meiner Meinung nach das vielleicht beste Depeche-Mode-Album des aktuellen Jahrtausends, textlich sogar eines der wichtigsten Werke der Briten überhaupt. Eine absolute Empfehlung!

Gesamt: 56/60 – 93%

Das neue Depeche Mode-Album “Spirit”, erschienen am 17. März 2017 bei Sony Music/Columbia Records. Bildquelle: http://bit.ly/2mXDed3

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