“Einen krummen Rücken zu haben ist gar nicht schlimm.”

– ein Satz, den ich in einem Brief an meine Physiotherapeutin geschrieben habe.

Das war kurz bevor mir aufgrund meines krummen Rückens in einer fünfstündigen Operation 21 Schrauben und zwei Titanstäbe in die Wirbelsäule implantiert wurden, um diese wieder gerade zu machen.

Mit 11 Jahren wurde bei mir Skoliose diagnostiziert, nachdem meinen Eltern auf einem Foto der Schiefstand meiner Schultern aufgefallen war. Mit einem Röntgenbild meiner Wirbelsäule wurden wir in eine Spezialklinik geschickt, in der der Winkel der Krümmung festgestellt werden konnte. 49° und 36° war da die Aussage. Das war erst einmal ein Schock, zumal ich vorher noch nie etwas von Skoliose gehört hatte. Als ich mich dann informierte, machte alles schonmal etwas mehr Sinn:

Der Begriff Skoliose kommt von dem griechischen Wort skolios, was krumm bedeutet. Skoliose ist eine Wirbelsäulendeformität, das heißt, dass die Wirbelsäulenstruktur sich so verändert, dass ihre Ausrichtung von der Norm abweicht. Während die Wirbelsäule normalerweise, von hinten gesehen, gerade ist, so ist sie bei einer Skoliose seitlich verkrümmt und meist in sich selbst verdreht. Das Ausmaß einer Skoliose wird in Cobb-Winkel gemessen. Hierzu wird mithilfe eines Computerprogramms der Winkel im Röntgenbild ermittelt, daher kommen also auch meine 49° und 36°.

Nach Definition ist eine seitliche Krümmung der Wirbelsäule dann eine Skoliose, wenn sie einen Cobb-Winkel von 10° oder mehr aufweist. In Deutschland sind rund 900.000 Menschen von einer Form der Skoliose betroffen, wobei die Deformität bei Mädchen mindestens dreimal häufiger diagnostiziert wird als bei Jungen.

Eine Skoliose zu erkennen ist gar nicht so einfach.

Der Grund dafür ist, dass sie sich, vor allem wenn es sich um eine sogenannte idiopathische Adoleszentenskoliose (ab dem 11. Lebensjahr) handelt, in kürzester Zeit entwickeln. Es braucht sich also niemand einen Vorwurf zu machen, wenn einem die Skoliose des Kindes nicht sofort auffällt. Trotzdem gibt es einige Methoden, um bei einem Verdacht die Krankheit selbst feststellen zu können. Die einfachste Art ist der Vorbeugetest, bei dem sich ein möglicher Rippenbuckel, also eine einseitige Auswölbung der Rippen, verstärkt. Eine andere Möglichkeit ist auf einen Schulter- oder Beckenschiefstand zu achten, da das Körperbild eines Skoliose-Patienten häufig asymmetrisch ist. Bei eigenem Verdacht auf Skoliose ist der erste Ansprechpartner immer ein Orthopäde. Dieser kann dann mithilfe eines Röntgenbildes das Ausmaß der Krümmung bestimmen und wenn nötig, auf eine Spezialklinik verweisen.

Da die meisten Skoliosen idiopathisch sind, ihre Ursache also unbekannt ist, stellen die Symptome selbst die Krankheit dar. Mögliche Ursprünge könnten ein unterschiedlich schnelles Wachstum der Wirbelkörper gegenüber den Wirbelkörpern und Facettengelenke, oder ein verfrühter pubertärer Wachstumsschub sein. Dies wäre vor allem für die Skoliosen im jugendlichen Alter eine Erklärung. Treten Skoliosen im Erwachsenenalter auf, sind diese meist abnutzungsbedingt und erworben, nicht angeboren.

Zunächst einmal scheint die Skoliose an sich keinen Behandlungsgrund darzustellen.

Tatsächlich kann man auch bis zu einem gewissen Grad gut ohne Behandlung leben. Im Kindes- und Jugendalter ist der Anlass für eine Behandlung hauptsächlich das Verhindern einer Verschlechterung sowohl der Krümmung an sich als auch der Beschwerden. Denn bei etwas stärkeren Ausprägungen spielen häufig Schmerzen eine Rolle und auch mit Hinblick auf die Zukunft kann durch die Skoliose eine Einschränkung der Mobilität oder der Lungenfunktion entstehen.

Die tatsächliche Behandlung ist abhängig von Alter, Ursache und Ausmaß der Krümmung.

Skoliose-Korsett

 

Die meisten Skoliose-Patient*innen haben eine Skoliose zwischen 10° und 20°, sodass eine Behandlung nicht zwingend notwendig ist. Eine Vorstellung bei einer Physiotherapie und das Treiben von Sport zur Stärkung der Muskulatur können jedoch durchaus von Nutzen sein. Eine spezielle Art der Therapie ist Schroth, benannt nach der Entwicklerin Katharina Schroth.

 

„Schroth ist eine Form von Atemtherapie und Haltungsschulung, bei der man versucht, durch Atemlenkung und -richtung, die Wirbelsäule aufzurichten, und dies in verschiedenen Positionen“                                                                                        

 -erklärt meine Physiotherapeutin mir in einem Interview.

Bei einem Cobb-Winkel ab 20° wird die Korsett-Therapie empfohlen, da alleinige Physiotherapie nicht länger ausreichend ist. Das Korsett wird für jeden Patienten mithilfe von 3D-Scans oder Gipsabdruck individuell angepasst und besteht aus leichtem Kunststoff. Die empfohlene Tragezeit liegt zwischen 20 und 23 Stunden, was dafür sorgt, dass die Wirbelsäule aufgerichtet wird und zwingt den Patienten oder die Patientin in eine möglichst korrekte Haltung. Zusätzliche Physiotherapie unterstützt dabei, dass diese Haltung auch nach Abtrainieren des Korsetts mit Abschluss des Wachstums beigehalten wird.

Sollte weder Korsett noch Therapie etwas bewirken oder die Skoliose schon bei der Diagnose bei über 50° liegen, muss über eine operative Versorgung nachgedacht werden, wie das bei mir der Fall war. Hier gibt es verschiedene OP-Verfahren. Das am häufigsten und längsten genutzte ist die Versteifung der betroffenen Wirbelkörper mithilfe von Schrauben und Stäben aus Titan, die an der Wirbelsäule angesetzt werden mit dem Ziel, möglichst wenig Strecke zu versteifen und eine möglichst große Korrektur zu erhalten. Dabei können Korrekturergebnisse von 50% bis zu 80% erreicht werden. Inzwischen gibt es zahlreiche neue Verfahren, die zum Beispiel darauf angesetzt sind, die Mobilität der Wirbelsäule komplett beizubehalten oder mitzuwachsen, allerdings derzeit noch ohne Langzeitstudien. Ich bin mir aber sicher, dass zukünftig immer mehr Alternativen entstehen, die genauso gute oder bessere Ergebnisse erzielen wie die Versteifung. Doch ich spreche aus eigener Erfahrung, wenn ich sage, dass man auch mit Titanstäben in der Wirbelsäule ohne Einschränkungen leben und (fast) alles tun kann, was Menschen ohne Versteifung in der Lage sind zu tun.

Nach rund zwei Jahren mit Korsett, zweimal wöchentlicher Physiotherapie nach Schroth und einem vierwöchigen Reha-Aufenthalt war es bei mir dann doch so weit, dass eine Operation unumgänglich war. Auch wenn mir diese Option bei meiner Diagnose wie ein Alptraum erschien, war ich im September 2020 bereit, in dieses neue Kapitel meines Lebens zu starten und bin trotz allen Hürden dankbar für die Erfahrungen, die ich gemacht, und die vielen neuen Freunde, die ich in dieser Zeit gefunden habe. Denn wie schon gesagt, einen krummen Rücken zu haben ist gar nicht so schlimm.

 

Text/Bilder: Lina

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Written by Digga-Redaktion