Auf der Suche nach Heimat – Randbegegnungen in Berlin

Berlin ist bunt, aufregend und vor allem eins: Vielseitig. Die unterschiedlichen Charaktere sind es, die unsere Hauptstadt ausmachen. Aber was ist mit den Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen; Menschen, an denen wir oft vorbeigehen, ohne sie anzusehen: Flaschensammler, Künstler und Obdachlose.

Bahnhof Zoo

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An der Hinterseite des Bahnhofsgebäudes verläuft die Jebensstraße – hier wird gerade ein Film gedreht: mobiles Catering, Maske und Schauspieler ziehen neugierige Blicke auf sich. Eigentlich ist dieser Ort ein Anlaufpunkt für Obdachlose, Hilfsbedürftige und Junkies. Hier bietet die Bahnhofsmission ihre Hilfe an, am Ende der Straße steht ein Automat an dem sich Drogensüchtige kostenlos Spritzbesteck ziehen können. Unter der Brücke haben Obdachlose ihre Schlafplätze eingerichtet, es ist laut, dreckig und ungemütlich. Hier treffe ich Cheyenne, ihre Haare hat sie sich an den Seiten abrasiert und ein paar Fuchsschwänze in ihren dünnen Pferdeschwanz gesteckt. Sie wirkt selbstbewusst und bestimmt wenn sie aus ihrem Leben erzählt. Cheyenne hat einen kleinen Hund dabei, “Kochanie” heißt er, weil das auf Polnisch „Liebling“ bedeute. Für sie ist ihr Leben am Bahnhof Zoo längst zum Alltag geworden, mit der Obdachlosigkeit hat sie ihre Familie gefunden.

 

 

Während des Gesprächs mit Cheyenne beobachtet uns ein junger Mann mit einer schwarzer Kappe aus der Ferne. Er spricht mich an, sagt, er habe ein Problem und würde gerne über seine Situation sprechen. Er heißt Ismail und ist seit vier Monaten obdachlos. Seine beiden kleinen Kinder habe ihm das Jugendamt weggenommen. Wenn er sie besuche, verspreche er ihnen immer „Papa macht die Wohnung fertig“, doch in Wahrheit wisse er nicht, wie es für ihn und seine kleine Familie weitergehen soll. Wenn er davon erzählt, wie sehr er sein altes Leben vermisse, werden seine Augen feucht, er bemüht sich, stark zu bleiben. Besonders wichtig sei ihm, nicht mit den Junkies gleichgesetzt zu werden.

Obdachlose bleiben meist unbeachtet – dass es so gut wie keine aktuelle Statistiken über sie gibt zeigt, dass sie im Schatten der Gesellschaft verschwinden. Jahr 2014 lebten rund 24000 Menschen in der gesamten Bundesrepublik auf der Straße, davon 11000 allein in Berlin. 15 Obdachlose sind im Winter 2013/2014 erfroren. (Quelle: http://unbeachtet.org/zahlen-obdachlosigkeit-in-deutschland/)

 

Alexanderplatz                                                                                              

Am Nachmittag ist auf dem Alexanderplatz besonders viel los, die perfekte Zeit für Straßenkünstler, um ihre Arbeit zu präsentieren. Ich treffe die Italienerin Laura, sie hockt auf dem Boden, ihre Hände sind bunt von der Kreide, mit der sie gerade ein riesiges Portrait auf den Boden malt. An den Seiten hat sie einige Körbchen für Spendengeld aufgestellt, schließlich müsse sie ihre Utensilien finanzieren können. Das Wort „Danke“ steht in verschiedenen Sprachen daneben geschrieben – als eine Schulklasse vorbeikommt, ergänzen kurzerhand einige Schüler die Vokabelliste. Laura lacht, sie freut sich über das Interesse an ihrem Bild.                                                                            

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Laura aus Italien bringt ihre Kunst zum Berliner Alexanderplatz

Laura habe schon als 17-jährige mit der Straßenmalerei angefangen, daher komme auch der Mut dazu. Damals sei sie noch ein Kind gewesen, das Malen vor vielen Menschen für sie ein Spiel. Die Reaktionen der Menschen fielen unterschiedlich aus, aber meistens seien die Passanten freundlich und zugewandt. In Italien habe Laura auf die University of Fine Art studiert und dort das Zeichnen gelernt. Für sie sei aber der beste Weg zu lernen, einfach das zu machen, was ihr gefalle. Kunst bedeute für sie Kommunikation, die Projektion jeglicher Art von Gefühlen, sei es Traurigkeit oder Glück, in ein Bild. In ihrem aktuellen Werk folge sie einfach ihrer künstlerischen Freiheit. Die Zwanglosigkeit der Kunst in Berlin habe sie in die Hauptstadt gebracht. Hier könne sie malen was sie wolle – in Italien sei das anders. In ihrer Heimat Florenz konzentriere man sich mehr auf den Renaissance Stil und Maler wie Michelangelo. Den möge sie zwar auch aber in Berlin könne sie mehr experimentieren als in Italien. Um dieses Portrait zu malen habe sie ein paar Stunden gebraucht, könne aber auch zwei bis vier Tage an einem größeren Werk arbeiten.                                                                                                                                                                                        

Am anderen Ende vom Alex fällt mir ein Mann auf, der die Mülleimer nach Flaschen durchsucht. Er hat eine große Tüte bei sich und ist etwas skeptisch als ich ihn um ein Interview bitte. Er möchte, dass ich ihn „Günter“ nenne, seinen richtigen Namen verrät er lieber nicht. Günter ist Grieche und  musste seine Arbeit wegen gesundheitlichen Problemen aufgeben. Hier in Deutschland sei er zwar obdachlos, könne aber vom Flaschensammeln leben. Sein Arzt sage, das viele Laufen sei gut für seinen Rücken und deshalb möchte er auch noch einige Zeit weitersammeln. Betteln komme für ihn auf keinen Fall infrage, viel lieber hätte er wieder eine Arbeit.

 

Friedrichstraße 

Später Nachmittag, der Himmel ist bewölkt und es regnet ein wenig. Ein junger Mann steht mit Mikrophon, Gitarre und Verstärker vor dem Eingang eines Kaufhauses und eine Menschentraube drängelt sich um ihn herum. Vor ihm steht sein offener Gitarrenkasten und ein Pappschild mit seinem Namen: „Alex Wardi“ heißt eigentlich Craig Weir, aber das könne in Deutschland ja niemand aussprechen. Er wechselt sich zusammen mit seinem Kumpel Andrew ab, beide begeistern die Zuschauer mit ihren außergewöhnlichen Stimmen. Gerade hat Alexi für ihn und sich zwei Flachen Bier besorgt, etwas, das er auch an Berlin schätze.

Alexi sei im letzten September nach Berlin gekommen um einen Job zu finden, habe aber schnell lernen müssen dass sich das ohne Deutschkenntnisse ziemlich schwierig gestalte. Einige seiner Freunde seien schon damals Straßenmusiker gewesen und als er im Januar kein Geld mehr für die Miete habe aufbringen können, habe er selbst damit angefangen, um nicht wieder zurück nach Schottland zu müssen. Schottland sei sein ganzes Leben lang sein zu Hause gewesen, sei ihm aber nach 24 Jahren zu langweilig geworden. Das Gefühl vor so vielen Menschen zu spielen, sei von Tag zu Tag verschieden und schwer, mit etwas anderem zu vergleichen. Wenn viele Leute zuschauen und die Musik mögen, sei es ein unvergleichlich schönes Gefühl; wie eine Verbindung, stärker als sie durch ein bloßes Gespräch entstehen könne. Es gebe aber auch Tage, an denen er glaube gut zu spielen, aber die Menschen einfach vorbeigingen. Alexi spiele oft auf dem Alexanderplatz und manchmal zeigten ihm die Leute im Vorbeigehen einen Daumen nach oben oder machten ihm Komplimente für seine Stimme. Manchmal kämen aber auch Zuschauer auf ihn zu und machten ein Foto mit ihm. Dann fühle er sich besonders geehrt; vor ein paar Tagen sei er sogar eingeladen worden, auf einer Hochzeit zu spielen. Vor einem Auftritt sei er immer sehr nervös, aber da er schon mit 18 Jahren angefangen hat, Musik auf dem College zu studieren, habe er sich daran gewöhnten können. Für die der Zukunft plane er in Berlin zu bleiben, das sei seine neue Heimat. Einen normalen Job habe er nie gewollt, er möchte lieber weiter Musik machen, aufstehen wann er will und Bier trinken. An Berlin möge er besonders die Menschen und die vielen Kulturen. Jeder sei außergewöhnlich freundlich zu ihm gewesen, sogar die Obdachlosen seien netter als in Schottland. Die meisten jungen Deutschen würden sowieso gut Englisch sprechen, ansonsten gebe es hier viele andere Ausländer. Sein größer Wunsch für die Zukunft sei dass Schottland ein Teil der Europäischen Union bleibe damit er kein Arbeitsvisum brauche, sagt er und lacht. Persönlich möchte er einfach weiter Musik auf den Straßen und auf Events machen und vielleicht einen Job finden – das Wetter mache es ihm manchmal schwer auf der Straße zu spielen. „Einfach so lange wie möglich Musiker und sorgenlos bleiben!“

 

Unter den Linden   

Direkt gegenüber der Vertretung der Europäischen Union macht sich am frühen Abend eine Gruppe schwarz gekleideter Menschen auf einen Protest vor. Sie haben ein Banner mit der Aufschrift „Stop breaking the law in Poland“ dabei und kleben sich gegenseitig mit schwarzen Tape die Münder zu. Einer von ihnen verteilt Flugblätter an die neugierigen Passanten. Nach einiger Zeit reißen alle ihre Klebestreifen ab und eine Frau liest ihre Protestforderungen auf Polnisch und Deutsch vor. Ein Sprechchor ruft nach jeder einzelnen laut „Demokracja!“. Die vorbeigehenden Passanten werfen merkwürdige zweifelnde Blicke auf die Menge, manchmal bleiben ein paar Touristen stehen und machen Fotos. Worum es bei dem Prostest geht, interessiert sie eher nicht.

 

Pariser Platz

Einige hundert Meter von den Demonstranten entfernt, ist ein weiterer Flaschensammler unterwegs, deutlich älter als Günter. Der etwa Ende 60 jährige Rentner möchte nicht erkannt werden; es sei ein mieses Gefühl Flaschen zu sammeln, sagt er. Obwohl er eine Wohnung hat und Rente bekomme, suche er nach weggeworfenem Pfand um sich auch mal etwas Besonderes kaufen zu können – dafür reiche seine Rente nicht aus.

Auch Flaschensammler gehören zu einer gesellschaftlichen Randgruppe. Damit werden sie als “Menschen, die in eine Gesellschaft nur unvollständig integriert sind” definiert – zumindest im Duden. Dabei kann nicht einmal von einer Minderheit gesprochen werden; immer mehr Menschen verdienen sich durch weggeworfenes Pfand etwas Geld dazu oder leben davon. Aber Integration kann nicht gelingen, wenn der Zugang zur Gesellschaft verwehrt wird. Vorurteile, Stigmatisierung und vor allem Wegschauen drängen Menschen aus der öffentlichen Wahrnehmung. Die soziale Ungleichheit – die auseinandergehende Schere zwischen arm und reich- tragen zur Marginalisierung der gesellschaftlichen Randgruppen bei.

Das Thema “Heimat” zieht sich wie ein roter Faden durch die Interviews: Berlin bietet den unterschiedlichsten Menschen in den verschiedensten Lebenssituationen ein zu Hause. Cheyenne hat ihres unter der Brücke am Bahnhof Zoo gefunden, Ismail will sich seins zusammen seinen Kindern aufbauen. Alexi liebt die Menschen in Berlin und Laura kann ihre künstlerische Freiheit hier ausleben. Die Demonstranten am Brandenburger Tor vereinen ihre Heimat Polen und ihr zu Hause Berlin und zeigen so ihre Verbundenheit mit beiden Orten.

Berlin hat viel zu bieten, wenn man einmal genauer hinsieht. Menschen, die auf den ersten Blick nicht sichtbar sind, haben Geschichten zu erzählen, für die es sich lohnt hinzuhören. Diesen Menschen eine Stimme zu geben sollte unser Anliegen sein.

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